B. Die Literaturdenkmäler. §82. Notker in. von St. Gallen. 415
schritten stellte Remigius von Auxerre 1 ) (ca. 840—905), der Schüler Dun-chads, seinen Kommentar zum Marcianus Capeila zusammen. Remigius schriebdiesen und seine andern erklärenden Werke für den Schulgebrauch, und siebilden die Grundlage für den Unterricht im Trivium für das Mittelalter.Notkers III. Wissenschaft aber ist eben die des Remigius. Das Gebiet seinerSchriften deckt sich zum Teil mit der Kommentierungstätigkeit des Remigius.Denn dieser schon hat Erklärungen geschrieben zur Consolatio Philosophiaesowie zu den Opuscula sacra des Boethius (worunter De sancta Trinitate),und zu Marcianus Capeila, zu den Psalmen, zu Terenz und den DistichenCatos, vielleicht auch zu Virgils Eklogen, ja den Kommentar des Remigiuszu Marc. Capeila hat Notker selbst benutzt (s. unten).
Am ausgeprägtesten ist diese rationalistische Gelehrsamkeit vertretendurch Gerbert, den Lehrer der Domschule zu Rheims, der als Freund undVertrauter der Kaiser Otto II. und Otto III. stark in die Politik eingriff undspäter als Papst Silvester II. (999—1003) mit diplomatischer Gewandtheitdie hierarchischen Interessen zu vertreten begann, den berühmtesten Ge-lehrten der Zeit, der nicht nur, wie die meisten andern, das Trivium pflegte,sondern noch viel mehr die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer desQuadriviums.
Theologie und Philosophie sind auch bei Notker vereinigt, nur mußteer in seiner Lehrtätigkeit einen Unterschied beobachten. Die Artes pflegte er,und sie in erster Linie, weil sie eine Vorschule für die Theologie, für dasVerständnis der Schrift waren. 2 ) Der Bischof von Sitten aber meinte, er solleseine Studien ganz den Artes widmen, diese nicht nur als Propädeutik an-sehen; er wollte, daß er die Artes lediglich als Wissenschaft, theoretisch,pflegen solle, also so, daß er lateinische gelehrte Kommentare über dieseDisziplinen schreiben solle und nicht bloß Schulübersetzungen veranstalten.
Die von Notker in seinem Brief erwähnten Übersetzungen sind sowohlphilosophischen als theologischen Inhalts. Dem Trivium gehören an inGruppe a: Boethius' Consolatio, in b: die Schriften metrice, die speziellder Rhetorik (Poetik) dienen, und die dialektischen Schriften von c; theo-logische Werke sind De Trinitate in a, Psalter und Hiob in b.
Aus der Schule hervorgegangen und für diese bestimmt sind NotkersWerke. Das meint Ekkehards IV Ausdruck propter carltatem discipa-lorum in der Glosse zu dem ersten Vers seines Gedichtes über Notker(Baechtold a. a. 0. S. 17 Z. 1; Kelle, LG. 1,394 Z. 9). Einen Einblick in denSchulbetrieb gibt auch das, allerdings in ganz stereotyper Weise abgefaßte,
Remigius: Ebert 3, 234ff.; Manitius der Rhetorik, Dialektik und Grammatik vom
1,504 ff. u. Register S. 756 f.; UeberwegHeinze2 9 , 174 ff.
2 ) Das ist im Mittelalter das als selbst-verständlich vorausgesetzte Verhältnis dergesamten Wissenschaften zur Theologie.
Darum konnte Ekkehard IV. eine Widerlegung | 14, 62 ff.;
Standpunkt der Kirche und der Heiligen aussogar als debitum diei magistro, also dochwohl für Notker, schreiben, obgleich erselbst wie sein Lehrer diese drei Wissen-schaften eifrig pflegte (Dümmler, Z. f. d. A.