414 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Schrifterklärung angewendet ist [in quartam linguam, Baechtold, Anm. S. 17v. 13; Kelle, LG. 1, 394 V. 13]). Außer diesen Übersetzungen schrieb er auchlateinische Werke, und zwar eine neue Rhetorik, einen neuen Computus(Kirchenzeitrechnung) und andere kleinere Stücke. Dann gibt er den Zweckan, zu dem er das Außergewöhnliche unternommen habe, lateinische ge-lehrte Werke ins Deutsche zu übersetzen: es ist das leichtere Verständnis,denn vieles kann in der fremden Sprache nur mit Mühe oder nicht voll-ständig klar begriffen werden. Es folgt noch eine Bemerkung über seinAkzentuationssystem und zum Schluß macht er Mitteilungen über Bücher,die ihm Hugo gesandt hatte: Ciceros Philippica und Topica; diese habeder Abt von Reichenau entliehen, dafür aber Ciceros Rhetorik und desVictorinus Kommentar zum Ersatz gegeben.
Es handelt sich also in diesem Brief um das Wissenschaftsgebiet der Zeit,das sind die Septem artes. Auf diese beschränken sich die theologisch-philosophischen Leistungen des 10. Jahrhunderts. Theologie und Philosophie,geistliches und weltliches Wissen, das Schriftstudium und die freien Künstewaren nicht getrennt, sie waren als eine Einheit empfunden. Am höchstenaber unter den Lehrgegenständen des Triviums und des Quadriviumsstand die Dialektik 1 ). Gegen das Ende des 9. Jahrhunderts machte die Unter-richtsmethode bedeutende Fortschritte, und zwar durch die höheren An-forderungen, die man bei den Artes, besonders beim Trivium stellte. Alcuinhat für das Frankenreich seine drei Lehrbücher der Grammatik, Rhetorikund Dialektik als Vorstufe für die Theologie geschrieben. 2 ) Besonders diein Dialogform gehaltenen Rhetorik und Dialektik {Disputatio ... regis Caroliet Albini magistri) sind indes nur bescheidene Anfänge, Excerpte ausCiceros De inventione und der Ars rhetorica des Julius Victor für die Rhe-torik, aus den pseudoaugustinischen Kategorien des Boethius De differentiistopicis und aus Isidors Etymologien Buch II für die Dialektik. In seinem Sinnearbeitete auch Hrabanus Maurus, über Rhetorik und Dialektik in seinemLehrbuch für Geistliche De institutione clericorum Buch III, bes. Cap. 19ff.Einen neuen Aufschwung nahm das Studium des Triviums dadurch, daßdes Marcianus Capeila Nuptiae Mercurii cum Philologia und des Boe-thius 3 ) De consolatione Philosophiae zur Grundlage gemacht wurden. Dergrößte vorscholastische Gelehrte des Mittelalters, der Ire Scotus Eriugena 4 )(seit ca. 845 am Hof Karls des Kahlen), hat auch auf dem Gebiete derPropädeutik neue Bahnen gewiesen, und hier fand er Nachfolger, währender in der wirklichen Philosophie auf Jahrhunderte hinaus vereinsamt stand.Er schrieb einen Kommentar zum Marcianus Capeila, einen ebensolchenverfaßte etwas später sein Landsmann Dunchad. 5 ) Aus beiden Erklärungs-
>) Ueberweg-Heinze, Grundr. d. Gesch. | J ) Scotus Eriugena: Ebert 2, 257 ff.;
der Philosophie 2 9 , 172 f.; Prantl, Gesch. | Prantl a.a.O.; Manitius 1, 323ff. u.Register
der Logik, Bd. 2, XIII. Abschn. S. 745; Ueberweg-Heinze 2 3 , 160 ff.
2 ) Ebert 2, 12ff.; Manitius 1, 273ff. 5 ) Dunchad: Manitius, Register S. 735.
3 ) Boethius s. unten.