B. Die Literaturdenkmäler. § 82. Notker in. von St. Gallen. 413
sondern auch eine neue Rhetorik und einen neuen Computus und einigeandere Werke habe ich lateinisch geschrieben. Vielleicht ist einiges davonwert in Eure Hände zu gelangen. Aber wenn Ihr sie haben wollt (dennes verursacht Kosten), so schickt mehrere Pergamene und Geld für dieSchreiber und dann werdet Ihr Exemplare davon erhalten. Wenn sie zuEuch gelangt sind, so denkt, ich sei selbst zugegen. Jedoch ich weiß, daßIhr am Anfang davor zurückschrecken werdet als vor etwas Ungewohntem.Aber nach und nach werden sie Euch wohl annehmbar werden und Ihrwerdet eher imstande sein, sie zu lesen und zu verstehen, als man in derMuttersprache schneller begreift, was man in einer fremden Sprache ent-weder kaum oder nicht völlig begreifen kann. Man muß aber wissen, daßdie deutschen Wörter nicht ohne Akzent geschrieben werden dürfen, aus-genommen die Artikel: sie allein werden ohne Akzent gesprochen, denAkut und den Zirkumflex. Ich aber werde, wenn der Herr es will, kommen.Länger aber bei Euch bleiben kann ich nicht aus vielen Gründen, die ichEuch jetzt nicht sagen kann. — Eure Bücher, d. h. die Philippica und denKommentar zu Ciceros Topik, hat von mir der Abt von Reichenau erbeten,wofür er ein Pfand gegeben, das von größerem Werte ist. Denn teurer istdie Rhetorik Ciceros undVictorins trefflicher Kommentar, welche ich an Stellejener in Ersatz habe, und er darf sie nicht ohne die Eurigen zurückverlangen,sonst gehören die Seinigen Euch und es erwächst Euch kein Schade. MeinHerr Bischof lebe wohl in Ewigkeit".
In diesem Schreiben legt Notker seine Stellung zu den wissenschaft-lichen Prinzipien seiner Zeit dar und auf diesem Grund entwickelt er seinegesamte literarische Tätigkeit. Der Bischof hatte ihm empfohlen, sich ganzmit den sieben freien Künsten zu beschäftigen und das ist auch sein eigenster,innerster Wunsch. Aber seinen Pflichten kann er sich nicht entziehen unddiese beschränken ihn auf die Schulwissenschaft. Also nur als Hilfsmittelfür den Unterricht kann er die artes liberales betreiben, nur soweit als siein das Verständnis der theologischen Literatur einführen. Aus diesem Grundehat er denn auch das Außergewöhnliche unternommen, lateinische Werke insDeutsche zu übersetzen und sie zu erklären. Dann gibt er die auf dieseWeise abgefaßten Schriften an. Es sind elf. Sie zerfallen nach seiner eigenenEinteilung in vier Gruppen: a) 1. Des Boethius De consolatione philosophiae,
2. zum Teil De sancta Trinitate (des Boethius); b) poetische Denkmäler:
3. Cato, 4. Virgils Bucolica, 5. Terenz' Andria; c) aus dem Trivium: 6. desMarcianus Capeila Hochzeit des Mercur und der Philologie, 7. die Kate-gorien und 8. Ihol EQui]veiaQ des Aristoteles, 9. die Anfangsgründe derArithmetik; d) endlich kehrte er mit 10. den Psalmen und 11. dem Hiob zurTheologie zurück (diese beiden letzten Schriften Notkers sind die einzigen,die Ekkehard IV. in jenem auf das Hinscheiden Notkers verfaßten Gedichtedes Liber Benedictionum erwähnt, und dieser bestimmt hier den Job näherals die Moralia in Job von Gregor dem Großen, in denen die vierfache