412 H. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
„Dem Heiligen Herrn Bischof von Sitten H(ugo) entbietet Notker, Mönchdes Heiligen Gallus, seinen Gruß. Sehr erfreut war ich, da ich durch Be-richt des Boten Euer Wohlbefinden gehört habe. Ermahnt jedoch wegenmeiner Antwort, was kann ich da anders sagen als die Worte durch Tatenzu ersetzen? Ich habe den Willen gehabt und habe ihn noch jetzt, aberbeschlossen sind wir in der Hand des Herrn, wir und unsere Werke, undüber das hinaus, was er gestattet, können wir nichts tun. Es ist, Hugo, dieNotwendigkeit, die treibt, nicht der (freie) Wille, und dem Auferlegten könnenwir nicht widerstreben. Aus diesem Grunde führen wir unsere Wünschenicht aus. Auf jene Wissenschaften nun, in welche ich mich nach EurerMeinung ganz vertiefen soll, die Ihr mir auferlegen wollt, habe ich ver-zichten müssen, und nicht ist es mir verstattet, sie anders zu pflegen dennals Hilfsmittel (zu andern Zwecken). Denn es müssen die kirchlichenBücher, und diese in erster Linie, in der Schule gelesen werden, zu derenvollem Verständnis zu gelangen ohne Durchkostung jener (Hilfsmittel) un-möglich ist. Da ich wollte, daß unsere Schüler Zugang zu diesen hätten,wagte ich etwas bis dahin nahezu Unerhörtes zu unternehmen: nämlichlateinische Schriften versuchte ich in unsere Sprache zu übersetzen unddas syllogistisch oder figürlich oder dialektisch Ausgedrückte durch Aristo-teles oder Cicero oder einen andern Gelehrten aufzuhellen. Während ichdies an zwei Büchern des Boethius, der über die Tröstung der Philosophiehandelt, und an einigen über die heil. Dreieinigkeit 1 ) durchführte, wurdeich gebeten, auch einige Werke in die nämliche Sprache zu übersetzen, denCato, die Bucolica des Virgil und die Andria des Terenz. Bald auch wünschteman, daß ich mich an der Prosa und an den (sieben freien) Künsten ver-suche und ich übertrug die Hochzeit der Philologie und die Kategorien desAristoteles und die Uegi sQjurjvelag und die Prinzipien der Arithmetik. Dannkehrte ich zu der geistlichen Literatur zurück und vollendete den ganzenPsalter, interpretierend und nach dem Augustin erklärend. Auch den Hiobbegann ich, habe jedoch kaum den dritten Teil beendigt. Nicht nur dieses,
Schweiz S. 61 f. — Scherer, MSD. 2. Aufl.S. 570—572; Paul Hoffmann, Die Misch-prosa Notkers S. 102 ff.
') Die Stelle ist verschieden erklärt wor-den (Wackernagel, Verdienste der SchweizerS.26; Wackernagel, LG. I 2 , 103 Anm. 23;Steinmeyer, Z.f .d.A. 31, Anz. 13,299; Schererbei Wunderlich S. 4 und MSD. a. a. O.S. 572; Paul Hoffmann, Die MischprosaNotkers S. 103). Sie ist folgendermaßenzu konstruieren und zu verstehen: induobus libris boetii . . . sind die beidenBücher der Konsolation, die arbeitete erzuerst aus (die andern also erst nach Ab-fassung des Briefes). Im Parallelismus zu,in duobus libris' steht im zweiten Satz ,inaliquantis'. ergänze libris: also er arbeiteteauch an einigen Büchern über die Trinität
(vgl. auch die Uebersetzung Baechtolds S. 61).Gemeint sind des Boethius Abhandlungenüber das Thema der Trinität, besonders:1. De Unitate Trinitatis. Quomodo Trinitasunus deu-s ac non tres dii: 2. Utrum pateret filius ac spiritus sanctus de divinitatesubstantialiter praedicentur; 3. Liber de per-sona et duabus naturis contra Eutychen etNestorium. Bei MlGNE 64,1247—1412 sind esfünf Stücke, zu deren jedem im 12. Jh. Gil-bertus Porretanus einen Kommentar geschrie-ben hat (Migne a. a. O., Manitius S. 36).Ebenso hatte also wohl der Notker vor-liegende Kommentar mehrere Teile und darumkonnte er sagen, daß er mit einigen der-selben beschäftigt war, ehe er an die Ueber-tragung der poetischen Werke ging.