B. Die Literaturdenkmäler. § 82. Notker iii. von St. Gallen. 411
kurzen Vokalen aus mit Kontraktion: zehen>zen, weleher > weleer zweier,andrerseits bleibt h auch: sldhen, sehen, gescehen (in den Psalmen wirddann i > ie: fieho, so auch bei langem l: lihen > liehen); nach langemVokal fällt h aus: gäes, höo oder ho; oder es bleibt, dann werden dielangen Vokale gekürzt: sähen, höhör, auch Diphthonge: ziehen > zihen,scuoha > scüha.
Flexion. Schwacher G. D. Si. masc. und neutr.: -en (aus altalemann.-in); feminin. Abstracta auf -i (in allen Casus des Singular) haben im Plural-in: Si. höhl, PI. N. Ac. höhinä, G. höhinö, D. höhinön. Die 2. PI. hat -nt:nement, näment; PI. Ind. des schwachen Praet. hat ö : -ön önt ön; Conj.Präs. der schwachen 6- und e-Conj. hat -oe -ee: minnoe, rämee, oder -oje :minnoie, habeie; 1.3. Conj. Prät. der schw. Verba haben lang i: suohti;Conj. Präs. von tuon: tuoe oder tue oder tuoie.
Notker hat seine Regeln dem innerhalb des Satzes gesprochenen Wortabgelauscht, darauf beruhten seine Beobachtungen des Wortanlautes. SeineOrthographie geht aus der Phonetik hervor. Er hatte sein Ohr ebenso auchgeschärft für die Tonverhältnisse und damit schuf er ein klares und einfachesAkzentuationssystem: 1 ) Jeder haupttonige lange Vokal hat den Zirkum-flex, jeder haupttonige kurze Vokal hat den Akut. Damit ist zugleich sowohlBetonungsstärke als Tondauer bezeichnet. Oft steht der Zirkumflex auch auflangen Nebensilbenvokalen. Am regelmäßigsten ist die Akzentuierung imBoethius durchgeführt. Wie viel Gewicht Notker auf die Betonungs-bezeichnung legte, ersehen wir auch aus seinem lateinischen Briefe an denBischof Hugo II. von Sitten.
Auch eine ziemlich regelmäßige Interpunktion hat Notker in seinenSchriften angewendet. Er gebraucht gewöhnlich den Punkt, der im Innerneines Satzgefüges die Bedeutung unseres Kommas hat, aber noch häufigergesetzt wird, auch nach ganz kurzen Satzteilen, wo wir in unserm heutigenInterpunktionssystem gar kein Zeichen anbringen würden. Am Ende desSatzes entspricht er unserm Punkt. Auch das Fragezeichen ? hat Notker,seltener jedoch Punkt und Strich oben !, noch seltener Punkt und Strichunten ;. Diese bezeichnen stärkere Abschnitte als der bloße Punkt.
Notkers Werke. Über seine wissenschaftliche Lebensarbeit sprichtNotker in einem Briefe an den Bischof Hugo II. von Sitten (998—1017). 2 )Die Wichtigkeit dieses Schriftstückes wird bei 'den mancherlei Unklarheitendes Stils eine Übersetzung rechtfertigen: 3 )
*) Braune, Ahd.Gr. §8,2; Baune, Beitr.2,127ff.; Oskar Fleischer, Das Accentua-tionssystem Notkers in seinem Boethius, Z.f. d. Phil. 14,129—172.285—300; Kruszewskia.a.O.; Ochs a.a.O.; Paul Sievers. Die Ac-
kers I S. XII. Er wurde aufgefunden von J.Grimm 1834, vgl. J. Grimm, Gott. gel. Anz.1835, 907—915 (S. 911 ff.) und Kl. Sehr. 5,187—192 (S. 190 ff.); der Brief ist auch ab-gedruckt bei Hattemer 3, 3—6, Piper I,
cente in ahd. und as. Handschriften, Palaestra 859—861, Kelle, LG. 1,395 f. — Ueber
57, Berlin 1909; Kelle. LG. 1, 253 f. 404.
3 ) Die Hs. des Briefes ist in Brüssel(Cod. G, s. unten): Piper, Die Schriften Not-
Hugo II. von Sitten s. Gelpcke, Kirchen-geschichte der Schweiz 2,117 f.
3 ) Vgl. Baechtold, Gesch. d.d.Lit. in der