410 H- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
feinsten Möglichkeiten berücksichtigendes System gebracht. Vokale. Um-laut besteht, wie sonst, von a > e, nun aber auch, und zwar bei Notkerzum erstenmal als Regel, von u > iu; altes e ist te, 6 — uo, ai ist ei, au — du,io — te. Die Vokale sind im Auslaut schon stark geschwächt, Notkers voka-lisches Endsilbengesetz 1 ) ist: 1. Unmittelbar auslautende Vokale bleiben,nur kurzes i ist zu e, kurzes u zu o geworden; 2. Alle kurzen durch Kon-sonanten gedeckten Endsilbenvokale werden zu e, alle langen bleiben er-halten.
Konsonanten. Notker hat einem Teil der wortanlautenden Konsonanteneine besondere Regelung gegeben; dieses Anlautsgesetz Notkers 2 ) ist:Media d (= germ. th), b (= germ. b), g (= germ. g) steht, wenn das vorher-gehende Wort endigt auf einen stimmhaften Laut, das ist Vokal, Liquida (/ r),Nasal (mn); dagegen steht Tenuis t,p,k 1. wenn das vorhergehende Wort aufeinen stimmlosen Laut endigt, das ist auf Tenuis tpk, (stimmlose) Media d bg,stimmlose Spirans f h s z; 2. am Anfang des Satzes. Beispiele: Media stehtnach Vokal: fäorta dih, mänegero bitten, änderro guotes; nach Liquida:teil des, teil besezen; nach Nasal: man dä5, dien güoten; 'Tenuis steht:nach Tenuis geskihit tänne, heijent keauält; nach Media: töug taj, dingvenement; nach Reibelaut: alles tinges, des pristet, naturliches kuotes; amSatzanfang: Ter bruoder, Kot habet.
Einzelne Konsonanten. Dentale: d> t, aber nt ist nd; t> Spirans oderAffricata, geschrieben zz, z ; than\.>d bezw.t, je nach dem Anlautsgesetz,inl. ausl. d. Labiale: b anl. b oder/?, je nach dem Anlautsgesetz, bleibt inl.ausl. b; p > Spirans ff, f; Affricata ist anl./, inl. ausl. für germ. Geminationpf, aber // rf mf. Gutturale: g anl. g oder k, je nach dem Anlautsgesetz,bleibt inl. ausl. g; k > Spirans ch; als Affricata anl. ch, inl. nch — ausl. ng, inl.Ich rch — ausl. Ih rh, für germ. Gemination eck, ausl.g\ h fällt im Inlaut zwischen
Altenburg 1886. — Wortbildung. Ida Flei-scher. Die Wortbildung bei Notker und inden verwandten Werken, eine Untersuchungder Sprache Notkers mit besonderer Rück-sicht auf die Neubildungen, Diss. Göttingen1901; Ida Fleischer, Erklärungen einiger iso-lierten Wortformen in Notkers Werken, Journalof Engl, and Germ, philol. 5,353 f. (dazu Stein-MEYER, Berliner Jahresbericht 1904 S. 108);K. Dahm, Der Gebrauch von gi- zur Unter-scheidung perfektiver und imperfektiver Ak-tionsart im Tatian und in Notkers Boethius,Diss. Leipzig 1909. — Syntax. W. Manthey,Syntaktische Beobachtungen an NotkersUebersetzung des Martianus Capeila, Diss.Berlin 1903; Hermann Wunderlich, Bei-träge zur Syntax des Notker'schen Boethius,Diss. Berlin 1883; Paul Diels, Die Stellungdes Verbums in der älteren althochdeutschenProsa, Palaestra 59, Berlin 1906; F. A. Feigl,Die Stellung der Satzglieder des Vollsatzes inNotkers Marcianus Capeila, Programme desStiftsgymnasiums der Benedictiner zu Melk
Teil I—V, 1904—1908; R. Löhner, Die Wort-stellung der Relativsätze im Boethius, Z. f. d.Phil. 14,173—217.300-330; Clarence Wil-lis Eastman, Die Syntax des Dativs bei Not-ker, Diss. Leipzig 1898; H. Hansel, Ueberden Gebrauch der Pronomina reflexiva beiNotker, Diss. Halle 1876; W. Göcking, DasPartizipium bei Notker, Diss. Straßburg 1905.
1 ) Braune, Ahd. Gr. § 59,1; Braune, Beitr.2.125ff.; H. A. Fenselau, Die Quantität derEnd- und Mittelsilben einschließlich der Par-tikeln und Präfixe in Notkers althochdeut-scher Uebersetzung des Boethius: „de con-solatione philosophiae" Teil I, Diss. Halle 1892.
2 ) Braune, Ahd. Gr. § 103; Israel Wein-berg, Zu Notkers Anlautsgesetz, Spracheu. Dichtung H. 5, Tübingen 1911; E. Ochs,Beitr. 38, 354—358; A. Kruszewski, Die St.Galler Handschrift der Notkerschen Psalmen-übersetzung und ihr Verhältnis zu den übrigenSchriften Notkers hinsichtlich des Anlaut-gesetzes und der Accentuation, Progr. Aachen1898.