Druckschrift 
Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
Seite
408
Einzelbild herunterladen
 

408 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

des heiligen Otmar, des Patrons von St. Gallen, flicht er einen Preis her-vorragender Männer des Klosters ein und darunter sind etwa dreißig Zeilenseinem Lehrer Notker gewidmet, leoninische Hexameter mit darüberstehendenlateinischen, weiter ausführenden Erklärungen. 1 ) Das Gedicht ist eine Toten-feier: Als Notker nach der Übersetzung des Hiob die Feder aus der Handlegte, verschied er, nachdem er schon frühe den Psalter übertragen hatte.Am Peterstage (29. Juni 1022) starb er, am Feste des Heiligen, den er selbstso hoch verehrte, denn oft mahnte er Ekkehard, zu dem Schlüsselträgerzu beten, daß er ihm den Himmel öffne. Als er sein Ende nahe fühlte,legte er, zweiundsiebzigjährig, seine Beichte ab. Als schwerste Sünde, unddie ihn noch in Träumen verfolgte, bekannte er, daß er als junger Mönchin klösterlicher Kleidung einen Wolf getötet habe. Dann ließ er Arme undDürftige kommen, damit er sterbend ihre Labung sehe. Im Mönchsgewandließ er sich begraben, weil Sanctus Gallus die Entblößung der Lendenverbot, und damit die Kette, die er um den Leib trug, ungelöst bleibe. Daswar das Ende dieses unvergleichlichen Lehrers.

Als großer Gelehrter war er schon zu seiner Zeit allgemein gefeiert,'nostrae memorlae homlnum doctissimus' nennen ihn die Annales S. Gallimajores (Meyer v. Knonau, Mitteil, zur vaterländ. Gesch. 19,308). Sein Todes-tag ist verzeichnet im St. Galler Totenbuch zum 29. Juni 1022: obitus Not-keri doctlssimi atque benignissimi maglstri, womit er also zugleich alsLehrer der Klosterschule bezeichnet wird. 2 ) Er starb an der Pest, die dasaus Italien zurückkehrende Heer Heinrichs II. eingeschleppt hatte. DieselbeSeuche forderte noch neun Opfer unter den Mönchen; in den nämlichenTagen starben der Abt Purchard IL, Notkers Vetter (am 17. Juli), ferner dreiKlosterlehrer: Ruodpert (am 16. Juli), Anno (am 9. Januar 1023) und Erim-pert, welche drei mit Notker in einem Grabe vereinigt wurden. Ekkehard IV.dichtete ihnen die Grabschrift: Epitaphium quatuor scolarum magistriseque tutnalatis, worin er Notker als ein zündendes Feuer der Gelehrsam-keit, doctrine^ fomes v. 4, 3 ) preist, die drei ersten zusammen als doctoresmiros (v. 2), den letzten, Erimpertus, als discipulum clamor.

Den Beinamen 'Teutonicus' erhielt Notker wegen seiner deutschen Über-setzungen. Das ist ausgesprochen in der über der Zeile stehenden Erklärungdes ersten Verses jenes lateinischen Gedächtnisgedichtes im Liber Benedic-tionum (Kelle, LG. 1, 394 Z. 10; Baechtold, Anmerk. S. 17 Z. 10): Teutonicepropter caritatem discipulorum plures libros exponens. Wirklich 'NotkerTeutonicus' wird er genannt in einem Distichon, das als Bitte für seinSeelenheil am Schlüsse der Einsiedler Handschrift der Notkerschen Psalmensteht: Notker Tevtonicvs Domino finitvr amicos Gavdeat ille locis inpara-

') Abgedruckt bei Kelle, LG. 1,394 f.;Baechtold, Anmerkungen S. 17 f.; Meyerv. Knonau, Ekkeharts IV. Casus S. GalliS. LXXXVff.

2 ) St. Galler Todtenbuch, hgb. von E.

Dümmler und H. Wartmann, Mitteilungenzur vaterländischen Geschichte St. GallensXI, 44.

3 ) Hattemer 2, 6; Dümmler, Z. f. d. A.14,49 f.