Print 
Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Place and Date of Creation
Page
407
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
 

B. Die Literaturdenkmäler. § 82. Notker in. von St. Gallen. 407

aufgäbe. In der Reihe der gleichnamigen Gelehrten des Klosters wird erals der dritte aufgeführt, indem als erster der berühmte SequenzendichterNotker Balbulus, der Stammler (f 912), gezählt wurde, als zweiter Notkerder Arzt, wegen seiner Strenge 'Piperis granum', 'Pfefferkorn', zubenannt;zur Unterscheidung von diesen trug er den Beinamen 'Labeo', 'der Groß-lefzige', wegen seiner breiten Unterlippe, oder auch den edleren 'Teutoni-cus', da er mit Liebe die deutsche Sprache pflegte. Nebeneinander gestelltsind die drei Notkerein einem lateinischen, achtzeiligenDistichon: 1 ) Balbuserat Notker, Piperisgranum fu.it alter, Tertius hie labio datus estagnomine lato.

Von dem Leben dieses berühmten Lehrers und Gelehrten wissen wirnur wenig. Er stammte aus einem edlen Geschlechte des Thurgaus, das demKloster schon viele angesehene Mitglieder gegeben hatte, zuletzt den Ge-schichtschreiber des Klosters, Ekkehard IV., dessen, bis zum Jahr 971 ein-gehender berichtenden, Chronik, den Casus S. Galli, 2 ) wir diese Kenntnisverdanken. Der älteste Klosterangehörige dieser berühmten Laien- undGeistlichenfamilie war Ekkehard I., der Dichter des Waltharius Manufortis,dessen Bruder, zwar Laie, ebenfalls dem Kloster angehörte als Mitglieddes Kapitelhauses und einflußreich durch seine kluge Beredsamkeit. Ekke-hard I. führte dem Kloster vier Neffen zu, Söhne seiner Brüder undSchwestern (Ekkeh. Casus S. Galli IX, 80). Es sind Ekkehard II. (f 990),der Höfling benannt, weil er eine Zeitlang als Lehrer der HerzoginHadwig von Schwaben auf deren Burg Hohentwiel am Bodensee lebte, 3 )von Ekkehard IV mit besonderer Wärme gezeichnet als eine Idealgestalt,ein Mönch mit den Tugenden adligen Geschlechts. Ferner Ekkehard III.,dann Purchard, der 1022 als Abt starb, und unser Notker. Obgleich Ekke-hard IV sonst mit Vorliebe einzelne Züge aus den Ereignissen des Klostersund dem Leben seiner Insassen erzählt, berichtet er von ihm nichts alseben jene seine Einführung ins Mönchtum durch Ekkehard I. und dabei zu-gleich, daß er sein, Ekkehards IV, Lehrer gewesen sei. Aber in seinem vonseiner eigenen Hand geschriebenen Liber Benedictionum, dem 'Buch derSegnungen', einer Sammlung von Gesängen zur Verherrlichung der Kirchen-feste, 4 ) hat er ihm ein Denkmal seiner Verehrung gesetzt: bei der Feier

x ) Dasselbe stand am Schluß des ver-lorenen Codex Vadianus, Kelle, LG. 1, 274.411.

2 ) Mon. Germ. Script. II, 75--147.G. Meyer v. Knonau, Mitteilungen zur vater-

oben S. 385 Anm.l; derselbe, Allgem. deutscheBiographie 5, 790793. 24,3941; P. Ga-briel Meier, OSB., Geschichte der Schulevon St. Gallen im Mittelalter, Jahrbuch fürI Schweizerische Geschichte 10 (1885), 85 ff.

ländischen Geschichte von St. Gallen XV; i 3 ) Er ist der Held in Scheffels Roman.

Uebersetzung von G.Meyer v.Knonau, Ge- 4 ) E. Dümmler, Z.f. d. A. 14,1215 u.

schichtschreiber der deutschen Vorzeit, X. Jh.11. Bd., Leipzig 1891; Ueber Notker III undEkkehard: Wattenbach l 7 , 439ff.; Manitius,Register S. 736. 751; Ebert Bd. 3, RegisterS. 523. 526; Kelle, LG. 1, 383; G.Meyerv. Knonau, Die Ekkeharte von S. Gallen, s.

51 ff., über Notker bes. S. 24; Joh. Egli,Der Liber benedictionum Ekkeharts IV, nebstden kleinen Dichtungen aus dem Codex San-gallensis 393, zum erstenmal vollständigherausgegeben und erläutert, St. Gallen 1910.Ueber die Hs. s. MSD. II 3 , 78.