406 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Möglicherweise ist diese Nachricht nur eine Erfindung vom Dichterder Klage, eine „Quellenberufung", in der Absicht, dem Nibelungenliedeund damit auch seinem eigenen Werke beim Publikum eine kräftige Emp-fehlung zu geben. Als Hauptsache bei volkstümlichen Erzählungen gilt es,daß die Geschichte, die vorgetragen wird, auch wahr sei und wirklich sichso zugetragen habe, für historische und besonders politische Schriftenvollends war die Glaubwürdigkeit eigentlich notwendiges Erfordernis. Darumsind solche, oft erdichtete, Quellenangaben, schon in der spätklassischenund dann in der mittellateinischen sowie der altfranzösischen und mittel-hochdeutschen Literatur nicht selten. 1 ) Ein unbedingt gültiges Zeugnis fürdie Existenz einer lateinischen Nibelungendichtung liegt vielleicht dochnicht in jenen Versen der Klage. 2 )
§ 82. Notker III. (Labeo) von St. Gallen.
Braune, LB. Nr. 23 u. S. 176-178; Piper, Alt. d.Lit. S.270.337—439, Nachtr. S. 311 bis318, Höf. Epik 3, 709; Kelle, LG. 1,232—274. 393-412. 2,43-46. 268 f.; Kögel, LG. 2,598bis 626, Grundr. 2 S. 141—146; Baechtold, Geschichte der deutschen Literatur in der SchweizS. 58—75 u. Anmerkungen S. 17—22; Steinmeyer, Ergebnisse S. 204 f. 208 f. 210 f. 217 f. —Gesamtausgaben: Hattemer, Denkmahle des Mittelalters Bd. 2 u. 3 (1844—1849), dazu Kol-lationen von Steinmeyer, Z. f. d. A. 17,449—504 (zu Bd. 3), Z. f.d. A. 21, Anz. 3,138—164(zu Bd. 2, Psalmen), und von Piper, Z. f. d. Phil. 11,275—285; Paul Piper, Die SchriftenNotkers und seiner Schule, 3 Bde.: l.Bd.: Schriften philosophischen Inhalts, 2. Bd.: Psalmenund katechetische Denkmäler nach der St. Galler Handschriftengruppe, 3. Bd.: WessobrunnerPsalmen, Predigten und katechetische Denkmäler, Freiburg und Tübingen 1882. 1883, Ger-manischer Bücherschatz hgb. von Alfr. Holder 8—10, dazu Kelle, Z. f. d. A.27, Anz. 9,313bis 329; Heinzel, Z. f. d. Österreich. Gymnasien 35 (1884), 117—121 u. Kl. Sehr. S. 352—358.
Notker Labeo war unter den vielen tüchtigen Gelehrten, die den RuhmSt. Gallens durch zwei Jahrhunderte hindurch, vom Anfang des neuntenbis zum Anfang des elften, ausmachten, einer der hervorragendsten, aus-gezeichnet vor allen durch die Erfüllung einer großen pädagogischen Lebens-
hören besonders die zweigliedrigen Formelnsich huob und och began 2149, ergienkund geschach, horte unde sach 2153, er undmanic ander man 2154, die alten und diejungen 2156, von fröud noch von ir sw&re2157. Die Komposition dieses Berichts ent-spricht den Vorschriften der lateinischen Rhe-torik (vgl. Conradi Hirsaugiensis Dialogused. Schepss S. 20); es wird aufgezählt: derVerfasser (auetor) v. 2145, quare (durch liebeder neven sin) v. 2145, quid (disiu mmre usw.)v. 2146.
') Roethe S. 65 ff.; Vogt, Breslauer Fest-schrift S 513. ff.; Friedrich Wilhelm, Ueberfabulistische Quellenangaben, Beitr. 33, 286bis 339.
2 ) Gegen die Glaubwürdigkeit des Be-richtes der Klage sprachen sich aus: Müllen-hoff a. a. O.; Scherer, Lit.Gesch. 7 S. 731;Wilhelm, Beitr. 33, 331 f. Für die Richtigkeiterklärten sich Zarncke, Beiträge zur Erklärungund Geschichte des Nibelungenliedes (1857)S. 168ff.; Lämmerhirt, Z. f. d. A. 41, 8; E.
John, Das lateinische Nibelungenlied, Pro-gramm des Gymnasiums zu Wertheim 1899;Kelle, LG. a. a. O.; Kögel, LG. a. a. O. Neuer-dings ist für die Existenz eines lateinischen,durch Pilgrim von Passau veranlaßten Nibe-lungenliedes eingetreten Roethe a. a. O. (s.auch Humanistische und nationale Bildung,Berlin 1906, S. 16ff.); gegen Roethe wendensich Vogt, D.Lit.Zeitung 1912, Nr.50,Sp.3173und eingehend in: Volksepos undNibelungias,Festschrift zur Jahrhundertfeier der Universi-tät zu Breslau, Breslau 1911, S.484—516, und:ZurGeschichte derNibelungenklage, Festgabeder Universität zur 52. Versammlung deutscherPhilologen und Schulmänner zu Marburg,Rektoratsprogramm der Universität Marburg,Marburg 1913, S. 137—167; Wilhelm a.a.O.;s. ferner Karl Droege, Nibelungenlied undWaltharius, Z. f. d. A. 52,193—231, s. auchebda 51,208—210; Erich Roemer, Wal-tharius und Nibelungenlied, Diss. Münster1912.