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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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405
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B. Die Literaturdenkmäler. 3. Lat. Denkmäler. §81. Das lat. Nibelungenlied. 405

Bedingung aber dafür, daß dieser national-höfische Ritterroman entstehenkonnte und hervorgehen konnte aus den Kreisen des Mönchtums, ist derGeist einer Zeit, die nationale Eigenart durch christlich-lateinische Kulturzu veredeln, nicht auszurotten, suchte. Aber das deutschem Boden ent-sprungene Reis konnte der neuen Strömung von Rom und Gallien ausnicht standhalten. Durch die Klerikalisierungspolitik der Päpste und diekirchliche Gedankensystematisierung der Scholastik wurde es erstickt. Darumsteht der Ruodlieb so vereinzelt in der Literaturgeschichte.

Die Sprache. 1 ) Der Dichter strebte der römischen Kunstsprache nichtnach und bemüht sich nicht um rhetorische Feinheiten. Sein Latein ist sehrunklassisch. Seine Ausdrucksweise ist im Gegenteil ungewandt, aber er suchtdoch wieder mit einer gewissen Gelehrsamkeit zu prunken. So gebrauchter gern seltene Wörter, besonders griechische. Wie weit Unkenntnis, wieweit Willkür der Grund zu den vielen Barbarismen ist, kann man nicht ent-scheiden. Mit der Anwendung der Präpositionen verfährt er sehr frei, andie Regeln der Modi und besonders der Tempora bindet er sich wenig,die Wortstellung vollends richtet er nach Belieben ein, um die Worte inden Vers zu passen. Sehr vieles davon beruht auf dem Einfluß des ger-manischen Sprachgefühls. Ist dieses germanisierte Lateinisch überhaupt viel-leicht ein bewußt angewandtes Idiom, wodurch der Dichter auch in dersprachlichen Form heimisches Wesen durchdringen lassen wollte?

Metrik. Die Hexameter sind fast durchweg (außer vierzehn) cäsur-gereimt (leoninisch). Die Prosodie ist wie die Sprache sehr frei und ver-stößt oft gegen die klassischen Regeln. 2 )

§ 81. Das lateinische Nibelungenlied des Meisters Konrad.

Kelle, LG. 1, 200202. 380; Kogel, LG. 2, 340342. Karl Müllenhoff, Zur Ge-schichte der Nibelunge Not, Braunschweig 1855, S. 73 ff.; Gust. Roethe, Nibelungias undWaltharius, Sitzungsberichte der k. preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1909,649691.

Der Verfasser des mittelhochdeutschen Gedichtes von der Klage (s. Bd. IIdieser Literaturgeschichte) gibt am Schluß, v. 2145 ff. (dazu v. 17281739),eine merkwürdige Mitteilung über eine ältere, lateinische Fassung des Nibe-lungenliedes: der Bischof Pilgrim von Passau (971991) habe seinen Ver-wandten zuliebe die Geschichte (von den Nibelungen) aufschreiben lassenund zwar in lateinischer Sprache; der Fiedler, der Spielmann Swemmel(v. 1674 ff. 1728), habe als Augenzeuge alles berichtet, ein Schreiber, derMeister Konrad (meister Kuonrät 2155), habe die Geschichte abgefaßt. 3 )

keit gedacht, ein Stück poetisierter Familien-chronik. Das Leben eines adligen Herrnwird mit poetischer Ausschmückung erzähltauf Grund seines Lebensganges (sein ehren-voller Hofdienst, seine mißglückte Werbung)und seiner Familienverhältnisse (seine Mut-ter, die Gevatterin, der Neffe). Dazu wirddas Abenteuer mit den Zwergen und dieSchatzgewinnung auf ihn übertragen und da-

mit der Name Ruodlieb.

') Schmeller, Ausgabe S. 229239;Seiler, Ausgabe S. 112142.193200 undGlossar S. 305329.

2 ) W. Grimm, Zur Geschichte des Reimsa.a.O.; Seiler S. 143159; Laistner, Z.f.d. A. 29,2325.

3 ) Die Mitteilungen der Klage sind innüchternem Kanzleistil gehalten. Hierher ge-