404 II- D' E Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
der Blütezeit der ritterlichen Kunst zu neuer und hoher Schönheit erwecktwurden.
Gegenüber dem idealistischen heroischen Roman des Helden- undhöfischen Epos steht also der Ruodlieb als realistischer Zeitroman. DasRitterideal bildet nicht den Leitgedanken. Nicht große persönliche Helden-taten vollbringt Ruodlieb, sondern er zeigt sich als tüchtigen Vassalien undgewandten Diplomaten, als guten Jäger, als Unterhaltungskünstler. DieLiebe ist ein Geschäft, damit der edle Stamm erhalten bleibe; oder einesinnliche Leidenschaft, und meisterhaft ist dargestellt, wie sie beim Tanzden ihr Verfallenen ergreift gleich einem hitzigen Fieber.
Der realistischen Auffassung entspricht auch das Temperament derDarstellung. Es ist auf ein ruhiges Maß gebracht; Erregung ist nicht be-absichtigt, nur in der Dorfgeschichte werden die Nerven angespannt underschütternd ist die Zerknirschung der sündhaften Frau. Die Erzählung,meist in schlichtem Vortrag, verläuft gemächlich und dehnt sich manchmalin Schilderung oder breite Aufzählung. Der Umfang ist bei dem frag-mentarischen Charakter nicht genau zu berechnen. Vorhanden sind ca.2300 Verse. Jedenfalls ist die Zeilenzahl groß im Verhältnis zur Inhalts-füllung, zum Stoff. Besondere Kunstmittel sind nicht angewendet, dochwirkt schon der Gegensatz im Aufbau der Szenen: auf das große Lebenam Hof folgt die Dorfgeschichte, nach der dunkeln Tat des roten Ver-brechers das Idyll bei der Schloßherrin. Sichtlich hervorgehoben ist dieKontrastwirkung bei der Gegenüberstellung der guten und der bösenBauernehe.
Das schwierigste Problem beim Ruodliebroman ist seine Einreihungin die innere Entwicklung der Literaturgeschichte. 1 ) Er hat nichtsseinesgleichen vor noch nachher. Er steht außerhalb der Tradition, dergrößten Macht des mittelalterlichen Geisteslebens. Doch muß der Versuchgemacht werden, ihn als geschichtliches Glied in der deutschen Literaturdes Mittelalters zu begreifen. Jedenfalls ist er ein ganz individuelles Er-zeugnis, die Schöpfung eines Einzelnen, der nicht die Kunstrichtung seinerZeit einschlug, die durch die volkstümliche Epik vertreten war. Das Neueist, wie oben erwähnt, die realistische Auffassung des Stoffes. Der Inhaltist in die Wirklichkeit versetzt, er ist historisch, nicht romantisch erfaßt.Geschichte und Dichtung sind im Mittelalter keine getrennten Gebiete,Ekkehard IV, der Zeitgenosse des Ruodliebdichters, schöpft die Geschichteseines Klosters aus alter mündlicher Überlieferung, aus Liedern und Sagen.Im Ruodlieb ist diese anekdotische Methode der Geschichtschreibung aufdie Dichtung übertragen. Ein Menschenleben wird geschildert, so wie esmöglicherweise in der Wirklichkeit konnte gelebt worden sein. 2 ) Die innere
') K. Burdach, Verhandlungen der 44.Ver-sammlung deutscher Philologen und Schul-männer in Dresden 1897, S.28—31; Roethe,
Nibelungias S. 656.
2 ) Vielleicht ist der Ruodlieb überhauptals Biographie einer bestimmten Persönlich-