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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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B. Die Literaturdenkmäler. 3. Lateinische Denkmäler. § 80. Ruodlieb. 403

lieh, und andere Personen gibt es für diese ideal stilisierte Gesellschaft nicht;ein Landstreicher wie der Rote wäre in jenen Kreisen nicht denkbar unddas lockere Leben des Neffen oder der Klerikerbraut wäre schon überhauptzu menschlich für jenen hohen Stil. Gerade mit der Episode bei den Bauernhat der Ruodliebdichter neue Gattungen eingeführt: die Dorfgeschichte unddie Familientragödie.

Durch die Abstufung der moralischen Werte ist, besonders mit demMittel des Gegensatzes, eine feinere Charakterisierung der Personen erreicht(z. B. der Rote, der alte und der junge Bauer). Die Kunst der Seelenmalereiist gewiß auch hier noch nicht kräftig entwickelt, nicht Gefühle oder Re-flexionen sind die Lebensäußerungen dieser Menschen, sondern Taten. DiePersonen des Adels tragen auch hier den Typus ihres Standes, der Königist das Ideal eines edlen und freigebigen Fürsten. Aber doch hat der Held,Ruodlieb, andere als die bloß stereotypen Eigenschaften eines germanischenRecken oder romantisch-höfischen Ritters: er ist der tüchtig wirkende Mann,der im Leben steht und fürs Leben schafft. Grundlage der Ethik sind alsonicht Heldentum und Mannentreue oder Minne, sondern fester Charakterund strebendes Pflichtgefühl, getragen von der christlichen Lehre der Demut;aber diese geistliche Wendung ist nur ein gemütvoller Einschlag im ge-samten Innenleben.

Die Menschen verkehren hier in den rücksichtsvollen Formen einerschönen Bildung, die auf gegenseitiges Wohlwollen gegründet ist und auf derBeherrschung der Eigentriebe beruht. Damit ist also die Selbstbeherrschung,das Maßhalten, die Grundbedingung für das soziale Leben, aber sie istzu gleicher Zeit eine sittliche Macht, denn der sittliche Charakter, wie ervorhin als ethischer Grundbegriff angesprochen wurde, ist eben bedingtdurch die willenbeherrschende Kraft, durch die Mäßigung. So ist die An-schauung von den sittlichen Lebenswerten, den persönlichen und den sozialen,eine andere als die des germanischen Heldentums, wo der Wert mehr indie unmittelbare Auslösung der Kraft als in die weise Verwendung derselbengelegt wurde. Es ist ein neues Bildungsideal aufgestellt, das christliche dertemperantia, die der Demut verwandt ist, es ist diu mäje, die Kardinal-tugend der acocpQoauvi], die den germanischen explosiven Eigenwillen desHeroentums erzog zu ruhiger Selbstzucht und zu feinerer Lebensform. Insolchem maßvollen Rhythmus bewegen sich die Menschen. Äußerer Schmuck,Festlichkeiten und gesellschaftliche Unterhaltung, Freude am Luxus, aber auchan der Kunst, verschönern das Dasein, und die Musik bewegt die Herzenzu wehmütiger Erinnerung an die Vergangenheit ebenso wie zu sehnendemErfassen der Gegenwart. Ein feines Gemüt ist Männern und Frauen eigen;das Heimweh der Mutter nach dem fernen Sohne, sein treuer Gehorsam,die Freude der Untertanen, als der junge Herr zurückkehrt, es sind rührendeZüge rein menschlichen Empfindens. Solche Töne wurden in der Dichtungbisher nie gehört und sie sind wieder verklungen auf lange hin, bis sie in

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