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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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402 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

vorher die Lehren des Königs, die Disposition für das Folgende abgebensollten. Auch zukunftsverkündende Träume sind ein Motiv der Volks-dichtung. 1 )

Der Dichter arbeitet also mit einem allgemein zu Gebote stehendenSchatz von Motiven. 2 ) Aber dieser hat nur den Grundriß geliefert, die Aus-führung des ersten Teils (der zweite, sagenhafte Teil muß hier wegen dermangelhaften Überlieferung außer Beachtung bleiben) besteht zumeist auseigener Erfindung des Dichters. Durch die Wahl und durch die Auffassungdes Stoffes ist sein Werk ganz einzigartig, ohne Beispiel in der Roman-dichtung des Mittelalters.

Die Menschen und die Dinge sind nicht die der idealen Sagenweltdes volkstümlichen Epos, auch nicht wie später die eines erträumten höfi-schen Rittertums, sondern sie leben und sind in der Gegenwart. Das Lebender Zeit gibt den Hintergrund ab, 3 ) der Realismus ist die eigenartige Formdieses Werkes. Aus seinem Vorstellungskreis heraus schafft der Dichter dieGestalten und ihre Umgebung, und in individualisierender Kunst stattet ersie aus mit einer Fülle von Einzelzügen, die der Wirklichkeit entnommensind, Bilder aus dem Alltäglichen, Szenen aus dem Kleinleben abrundend.Die Freude am Leben der Tiere, die liebevolle Beobachtung ihrer Gestalt,ihres Treibens spricht in Handlung und Stimmung des Gedichtes wesentlichmit (die Fischjagd, Seiler II, 1 ff. u. XIII, 16 ff.; der Wolfsfang II, 27 ff.; dieTanzbären V, 84 ff.; der Luchs mit dem Luchsstein V, 99 ff.; die gefangenenVögel IX, 1 ff.; die Dohle X, 71 ff. XI, 21 ff.; der gelehrige Hund XIII, 66 ff.).Darauf eben beruht ein wesentlicher Teil der Wirkung, daß der Dichter unsin eine Umgebung führt, in der wir heimisch sind oder die wir uns ver-traut machen können. Nicht unter Helden und in heldenwürdigen Schick-salen spielt sich das Leben ab, sondern es entfaltet sich in seiner ganzen,großen Vielseitigkeit. Der Reichtum des Kaiserhofes, der behagliche Wohl-stand des Edelsitzes und die harte Arbeit des Landmanns, die vornehmeLebensart des Adels und die Roheit der Bauern, nicht nur die Höhen,sondern auch die Tiefen der Gesellschaft haben ihren Platz in diesem Zeit-bilde. Und wie weit ist der Dichter des Ruodlieb z. B. den meisten Ver-fassern von Artusromanen in der Menschenschilderung voraus! Dort herrschtfast unbedingt nur der moralische Optimismus des Herrentums, die Rittersind mit wenigen Ausnahmen tadellos oder wenigstens im Grunde vortreff-

J ) Beneze, Das Traummotiv in der mhd. j Lehren, die Dorfgeschichte. Historische Tat-Dichtung bis 1250 und in alten deutschen ' sachen aber liegen als Quellen nur insofernVolksliedern S. 30 ff.; W. Henzen, Ueber dieTräume in der altnordischen SagalitteraturS.38.

2 ) Seiler unterscheidet novellistische, ge-schichtliche und derHeldensage nahestehendeBestandteile (S.45), insofern diese die Quel-len des Inhalts bilden. Sagenhaft ist derzweite, nur in dem letzten Bruchst. XVIIInoch sichtbare Teil, novellistisch sind die

zugrunde, als der Hofdienst Ruodliebs, derKrieg, seine Rückkehr usw. den Zuständender Zeit entsprechend, also realistisch dar-gestellt sind.

3 ) Seiler, AusgabeS.81111.172200;derselbe, Kulturhistorisches aus dem Ruod-lieb; Burdach, s. unten S. 404 Anm. 1;Ehrismann, Z. f. d. Phil. 36,400 f.