396 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
spielten sich in der 'Wirklichkeit ab und sind als Tatsachen noch über-liefert.
Eine zweite Erweiterung erhielt die Grundfabel dadurch, daß Güntherund die Franken (Burgunden) mit in die Erzählung gezogen wurden. Dasgeschah durch eine zufällige Gedankenassoziation. Der Hagen der Hilde-sage trug denselben Namen wie der Hagen der Nibelungensage, der abertrotz der Namensgleichheit eine ganz andere Sagengestalt ist. Durch dasHinzutreten der Hunnen und der Franken (Burgunden) wurde die Walther-sage der großen deutschen Nationalsage angegliedert, aus welcher dasNibelungenlied hervorging.
Der scherzhafte Ausgang ist nicht ursprünglich, im Gegenteil, die Ent-führungs- wie die Nebenbuhlersage verlangen ein tragisches Ende. DerBrauträuber erschlägt den Vater bezw. den Nebenbuhler, er erringt das Weibdurch Kampf auf Leben und Tod. Der Umschlag der Stimmung zum Ver-söhnlichen liegt in einem Wandel der Auffassung vom Menschengeschick.Das germanische Urteil über ein Heldenleben ist tragisch. Es ist Kampf, undam Ende steht der Tod. Der heitere Abschluß stammt aus einer andernAnschauung vom Dasein, der jene herbe Hoheit unbegreiflich, jener todes-kühne Heldentypus fremd war. Es ist die niederere Lebensauffassung desSpielmanns, der erheitern will und damit über den Stoff eine Färbung vonKomik und Humor breitet; jene charakteristische Eigenschaft, die demMimusvon seinem Ursprung her anhaftet.
Der Held, Walther, ist historisch nicht nachweisbar. Seine Heimatist im Walthariuslied Aquitanien, im mittelhochdeutschen Gedicht, im Biterolfund im Nibelungenlied Spanien (Spanjelant, Spanje), daneben auch Kär-lingen. Da Aquitanien, wie die Ahd. Gl. 3, 610, 5 zeigen, Wascono laut(Land der Basken) genannt wurde, so kann die Namensgleichheit daraufgeführt haben, die Kämpfe im Wasgenwald zu lokalisieren. 1 ) Demnach habenalso wohl die Westgoten, die germanischen Bewohner Aquitaniens, die weit-verbreitete Sage von der Brautentführung auf einen ihrer Helden übertragenund diese Gestalt, diese spezielle Form der Entführungssage, eben dieWalthersage, ist dann zu den andern germanischen Völkern gedrungen.Aber völlig gesichert ist westgotische Herkunft trotzdem nicht.
Die unmittelbare Quelle, 2 ) aus der Ekkehard seine Kenntnis entnahm,war die Sagengestalt seiner Heimat, war also ein alemannisches Gedicht
*) Literatur über den Wasgenstein:J. Grimm, Lat. Ged. S. 122—125; W. Grimm,D.Heldensage, Register unter Wasgenstein;Althof, Ausgabe I. Teil S. 62 f., Übersetzung,größere AusgabeS. 208— 222;Wilhelm Hertz,Deutsche Sage im Elsaß, Stuttgart 1872, S. 91 ff.238 ff.; Wilhelm Meyer, Wasichenstein,Münchner SB. 1873, 375—377; W. Scherer,Der Wasgenstein in der Sage, Vortrag, gehaltenin der Versammlung des Vogesenklubs der
Section Straßburg den 6. Dez. 1873, Mit-teilungen aus dem Vogesenklub Nr. 2 S. 1bis 15, Straßburg 1874 u.Kl. Sehr. 1, 543—555.2 ) Kögel, LG. 2, 330—335; J. Grimm,Lat. Ged. S. 99—101; MOllenhoff, Z. f. d. A.30, 235 f.; Seemüller, Melanges GodefroidKurth, Liege et Paris 1908, II, 365—373; F.Vogt, Volksepos und Nibelungias. (s. untenS. 502 f.). — Wenn man das Hildebrandsliedals Muster eines epischen Liedes nimmt