B. Die Literaturdenkmäler. 3. Lateinische Denkmäler. § 79. Waltharius. 393
Heldenepos); der Verheiratungsplan Ospirins (Helche gibt ihre Nichte HerratDietrich zur Gemahlin, Rabenschlacht Str. 34—36); ^ die List durch dasBetrunkenmachen; die Brautentführung; die Bedeutung des Schatzes; diehohe Ethik der Treue; zum Teil die Art der Zweikämpfe, die Blutrache(v. 846ff. 1080. 1268—78); der Schluß mit dem Spottgespräch über dieWunden und der Weinkredenzung durch Hiltgunt. Nicht dem Stil dergermanischen Heldendichtung entsprechend, sondern eigene Erfindung desDichters ist die Charakterisierung der Hiltgunt in ihrem dienenden Gehorsamund Günthers als eines verblendeten Feiglings, denn beiden fehlt die ger-manische Grundeigenschaft der Kraft. 2 ) Ungermanisch ist ferner die Frömmig-keit Walthers, und ebenso die Gesinnung Hagens, wenn er über das Lasterder Habsucht und den eiteln Ruhm eine Predigt hält (v. 857 ff.), die in kirch-lichem Geiste eine Verurteilung der Eigensucht des germanischen Recken-tums ist.
Die Sage. 3 ) Das Kernmotiv ist die Entführung der Hiltgunt durchWalther, das Walthariuslied gehört also zu den Entführungs- oder Braut-raubsagen und ist speziell verwandt mit jener Gruppe, die man nach derHeldin die Hildesage nennt. Der Grundtypus dieser Sage, zusammengestelltaus den einzelnen literarischen Versionen, ist folgender: Ein Held entführtdie Tochter eines mächtigen Königs, mit dem er in Freundschaft verbundenwar. Der Vater verfolgt die Flüchtigen. Er holt sie ein. Es kommt zumKampf zwischen den beiden Fürsten und den beiderseitigen Heergenossen.Die Helden fallen. Hilde weckt in der Nacht alle Toten wieder auf. So solles weitergehen bis zur Götterdämmerung. Diese Grundzüge bilden diewesentlichen Stützpunkte auch der Erzählung im Walthariuslied.
Walther entführt Hiltgunt (= Hilde), das Pflegekind des mächtigenHunnenkönigs, die beiden Männer, Walther und Attila, sind befreundet.Nun aber kommt eine starke Abweichung: Walther fürchtet nur die Ver-folgung des Pflegevaters, er kommt auch allerdings in einen Kampf, abernicht mit den verfolgenden Angehörigen der Braut, sondern mit Dritten,an der bisherigen Verwicklung Unbeteiligten. Der Abschluß der Hildesage,die Wiedererweckung der Toten, liegt dann wieder verdeckt in der Sorg-falt, mit der Hiltgunt die verwundeten Helden durch den Labetrunk neubelebt. Hier also ist noch eine leise Erinnerung bewahrt an die ursprüng-
*) Dazu W. Grimm, D. Heldensage, Re-gister unter Herrad.
2 ) Die Verschlechterung Günthers ist alsEigentum des Dichters dadurch nachzuweisen,daß derselbe im ags. Waldere ein kühnerHeld ist.
3 ) W. Grimm, D. Heldensage, Registerunter Walther von Spanien; Symons, German.Heldensage, Pauls Grundr. II», 703-722;J. Grimm, Lat. Ged. S. 103 ff. 384 f.; J. Grimm,Die Heldensage von Alphere und Walthere,
Z. f. d. A. 5, 2—5 u. Kl. Sehr. 7, 166-169;Müllenhoff, Z. f. d. A. 10, 163f. 12, 264bis 281; R. Heinzel, Über die Walthersage,Wiener SB. 117 (1888) Nr. II, 93ff.; Learned,The saga of Walther of Aquitaine, Baltimore1892; Fr. Panzer, Hilde-Gudrun, Halle 1901,bes. S. 153ff.; Kögel, LG. 1, 169-172; Alt-hof, Ausgabe I. Teil S. 1—23; Althof,Übersetzung, größere Ausgabe S. 161—207;Strecker, Probleme S. 581—594.