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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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392 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

hat er mehrere Verse wörtlich, andere mit Variationen entlehnt und außer-dem eine Masse einzelner Ausdrücke, solche nicht nur der Aeneis, sondernauch den Bucolica und Georgica. Außer Virgil gab ihm besonders nochdes Prudentius Psychomachia ein Muster ab, vor allem für die Kampf-schilderungen. Klassisch ist sein Latein nicht, aber doch nicht allzu sehrentstellt. Es begegnen eine Reihe Germanismen im Wortschatz und im Ge-brauch der Tempora, und sonst unklassische Konstruktionen. Eine gewisseVorliebe hat er für seltene und griechische Wörter und für altertümlicheWortformen, die indes nicht allzu aufdringlich wird.

Weniger beherrscht er die Metrik. 1 ) Barbarische Maße, Verstöße gegendie klassische Prosodie begegnen nicht selten. Die Hexameter sind un-gereimt, doch sind öfter auch leoninische eingestreut.

Durch die Anwendung virgilischer Stilmittel erhält aber nicht nurdie Sprache einen klassischen Anstrich, sondern oft wird auch die innereAnschauung des Stoffes antik gewendet. Bei den Göttern beschwört Güntherden widerspenstigen Hagen (v. 1075), aber dabei ist doch der Christengottder Lenker der Dinge (v. 111. 472); zum Orcus fährt die Seele des Ge-fallenen (v. 913. 1057. 1327); Helden weinen (Skaramund v. 689, Hagenv. 876f.). Klassisch, manchmal in homerischer Art zu kleinen episodischenSzenen ausgeführt, sind die Bilder und Vergleiche: v. 47ff. (Morgen), v. 188(Nordsturm), v. 384 (Aeolus), v. 404 (Wolfshund), v. 1000 (Eiche), v. 1337(der numidische Bär). Sie sind alle dem Bereich der Natur entnommen,und auch in der Handlung des Gedichtes bildet die wilde Landschaft für dieFlucht der Verlobten eine stimmungsvolle Umgebung (v. 356 f. 420 f. 490 ff.).Zum klassischen Naturbild gehört ferner die mit Vorliebe gebrauchte Mytho-logisierung der Tageszeit. Regelmäßig ist es der Morgen: v. 277 (Phoe-bus), v. 348 (Phoebus), v. 402 (Tag), v. 428 (Sonne), v.436 (Tag), v. 1130 ff.(Phoebus), v. 1188 ff. (Lucifer).

Aber über die einzelnen Sprach- und Stilelemente hinaus ist es dieKunst der 'innern' Formgebung, der epischen Anschauung, die Ekkeharddem Studium Virgils verdankt; die Fähigkeit, die Erscheinungen in ab-gerundeten Bildern zu schauen und deren bedeutsame Merkmale poetischvorzutragen.

Indes die klassische Form ist nur ein Gewand, das heimischem Stoffeund deutschem Empfinden übergeworfen ist, denn der Inhalt gehört bisauf wenige Motive dem nationalen Leben an: Aus der Geschichte undSage stammt der Zug Attilas gegen Westen; der sympathische CharakterAttilas und der Ospirin, besonders ihre Freundlichkeit gegen die eilenden(vgl. Etzels und Helches gütige Aufnahme Dietrichs von Bern im mhd.

S. 629ff.; M. Manitius, Der Dichter des Wal-tharius und die Vulgata, Mitteilungen des In-stituts für Österreich. Geschichtsforschung 24(1903), 111 ff. Beziehungen zwischen Wal-

tharius und Nibelungenlied s. unten.

x ) W. Grimm, Zur Gesch. d. Reims S. 139bis 141 u. Kl. Sehr. 4,274 ff.; Althof, Aus-gabe I. Teil S. 5157.