B. Die Literaturdenkmäler. 3. Lateinische Denkmäler. § 79. Waltharius. 391
mocht, ihn zum Kampf gegen den Freund zu treiben. Aber der Konfliktder Pflichten hat noch eine andere, eine demoralisierende Folge. Hagengreift schließlich zur Hinterlist und kämpft mit Günther zusammen gegenden ehemaligen Freund, zwei gegen einen. Er wird ein Ungetreuer, wieWitege und Heime in dem mittelhochdeutschen Lied von Alpharts Tod.
So bilden Günther und Hagen, durch das Band der Feudalität vereint,wieder ein engeres Paar unter den Personen des Gedichtes. Aber innerlichsteht der Frankenfürst doch vereinsamt, er ist moralisch minderwertig. Erist kein Held im Kampf, sondern nur in Worten, er ist ein rasender Tor,habgierig, ruchlos wie ein Straßenräuber. Er vertritt das negative Element,er ist die Kontrastfigur gegen die andern, ausgeschieden aus dem Kreisder Guten.
Eine solche Auffassung des Heldentums ist nicht altepisch, dieseMenschen sind ganz anders gedacht und empfunden, als sie im Gemütedes Volkes lebten. Vor allem ist das Herbe germanischer Reckenart ge-mildert, in Walther durch die Frömmigkeit und durch die Zartheit gegenseine Verlobte; und in Hagen dadurch, daß ihm das Finstere, Schreckende(der grimme Hagen im Nibelungenlied) genommen ist. Es ist der mildeGeist des Christentums, im dem der St. Galler Mönch die nationale Sageaufgefaßt hat.
Damit ist die für die Beurteilung Ekkehards 1 ) bedeutungsvolle Frageangetreten, wie er, der Gelehrte und Mönch, sich zu dem germanischen,weltlichen Stoff stellte. Hier, im Ethos, liegt der tiefgehendste Unterschiedzwischen dem Walthariusliede und der altnationalen Heldenepik: die Auf-fassung ist ironisch. Der Dichter glaubt nicht an seine Helden, er ist nichtvon sittlicher Erhebung durch ihre Großtaten durchdrungen, er lebt nichtmit ihnen, er steht außerhalb ihrer Welt. Nicht als ob er direkt Kritik übteoder gar Satire schriebe, aber er läßt es durchfühlen, daß er andern Geistesist, und hierin liegt im innersten Grund das, was den Gelehrten von derVolksdichtung trennt. Er hat andere Ideale. Damit tritt er dem Standpunktdes Spielmanns nahe, der durch seine Kunst nur den Zweck verfolgt, zuerheitern, zu ergötzen; anders als der germanische Skop, der, ein vates,ein Seher, die höchsten Gedanken aussprach und das Gemüt des Volkesmit hohem Streben erfüllte. Vom Spielmann hat der Mönch die ethischeAuffassung übernommen, nicht vom Volksdichter.
Die zweite Frage ist die um die Form. Wie löste der Klosterbruderdie Aufgabe, einen nationalen Inhalt in klassisches Gewand zu kleiden?
Zuerst die Sprache. 2 ) Als Vorbild galt ihm Virgils Aeneis. Aus ihr
x ) Wilhelm Meyer, Der Dichter desWaltharius. Z. f. d. A. 43,113—146.
2 ) J. Grimm, Lat. Ged. S. 65ff.; PeiperS. 80ff.; Wilhelm Meyer, Philolog. Bemer-kungen a. a. O.; Althof, Ausgabe I. TeilS. 48—51, und im II. Teil, dem Kommentar,
passim.; Strecker, Bemerkungen zum Wal-tharius, Programm des Gymn. zu Dortmund
1899, dazu O. L. Jiriczek, D. Lit. Zeitung
1900, 933—936; v. Winterfeld, Anz.f.d.A.27, 27 ff.; Strecker, Ekkehard und Virgil, Z.f. d. A. 42, 339—365; Strecker, Probleme