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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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390 II"- D'E Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

ewige Heil für die erschlagenen Feinde und sich selbst (v. 11611167),und geradezu wie eine Verdammung der ritterlichen Ruhmsucht ist es, wennder Dichter Walther für die stolzen Worte, die ihm in unüberlegtem, welt-lichen Kampfeseifer gegenüber den Franken entfahren sind, sofort Gottdemütig um Verzeihung bitten läßt (v. 564f.). Allerdings, die Kampfreden,die er mit den Franken wechselt, sind voll herausfordernden Hohnes inder typischen Art des Gelf. Das ist aber nur eine feste, unumgehbare äußereForm bei der Darstellung eines germanischen Kampfes.

Tapferkeit und Treue sind die Tugenden des germanischen Helden,so auch die Walthers. Die Treue zu Hagen läßt ihn den Gedanken kaumfassen, daß dieser gegen ihn kämpfen werde. Der religiöse Anstrich, dender Dichter seinem Helden zu verleihen wußte, hat die tief gewurzelten ger-manischen Eigenschaften doch nicht verdrängt, er hätte sonst einen natio-nalen Stoff auch gar nicht bearbeiten können.

Wie herrlich auch Walther alle andern Männer übertrifft, so ist er dochkein lediglich ideal stilisierter Held. Eng gepaart mit der Tugend persön-lichen Mutes ist die List, sie ist gegen den Feind nicht nur erlaubt,sondern geboten und wird bewundert: Walther benebelt seinem königlichenWohltäter die Sinne, um ihn ungehindert verlassen zu können. Und ganzunchristlich ist die Gier nach Gold, jene Triebkraft germanischen Taten-drangs in dem Heroenalter der Völkerwanderungszeit. Walther entführt dengroßen Schatz, den die Hunnenkönigin Hiltgunt anvertraut hatte, aber ergereicht ihm später zum Unheil, denn die gefahrvollen Kämpfe mit denFranken hat er um seinetwillen zu bestehen. So werden auch hier die Ge-schicke bestimmt durch den Fluch, der am Horte hängt, nur ist diesesMotiv hier nicht in dem bedeutungsvollen, ethischen Sinne als lenkendeSchicksalsmacht verwendet.

Auch Walther und Hagen sind in der Komposition des Gedichtes einzusammengehörendes Paar. Tapfer ist Hagen wie Walther; die Treue aberist es, die seinen Charakter besonders hebt, die Treue zum Jugendgenossen,zur Sippe, zum Herrn. Sie ist der Kernpunkt seines Wesens im Gedichte,von hier aus geht seine Gesinnung und sein Handeln. Die Pflicht desTreuehaltens hat nur einen Weg, aber der Mensch als soziales Wesen istnach verschiedenen Richtungen gebunden. So entsteht der tragische Kon-flikt: unter bittern Seelenkämpfen muß Hagen sich auf des einen Seiteschlagen und dem andern die Treue aufsagen. Die stärkste Pflicht ist diegegen den Herrn, darum muß Hagen die Waffen kehren gegen den Freund,mit dem ihn der Treuschwur verbindet, wie Rüedeger im Nibelungenliedseiner Herrin Kriemhild folgen und gegen seinen Freund Gernot kämpfenmuß. Mannentreue geht vor Freundschaft und Sippe. Hagens Herz ist ganzauf der Seite des Freundes, aber die Not des Herrn ist schließlich dasallein Ausschlaggebende für ihn; selbst die Pflicht der Blutrache für denvon Walther erschlagenen Neffen (v. 846878. 1080) hatte es nicht ver-