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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
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389
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B. Die Literaturdenkmäler. 3. Lateinische Denkmäler. § 79. Waltharius. 389

Sachkenntnis dargestellt. Das Feinste aber dabei ist, wie die Leibes- undSeelennot unscheidbar zusammenwirken und beide in gleicher Weise ver-bunden sind, um in dem Gequälten eine wahre Zerstörung anzurichten.

Dem gutmütigen, großplanigen Welteroberer steht eine ihn trefflichergänzende Gattin zur Seite. Ospirin ist gütig wie er, sie wird dem ver-kauften Königskind eine sorgende Mutter (v. 110 ff.), aber sie ist viel klügerund praktischer, von schärferer Menschenkenntnis und rechnet mit der Wirk-lichkeit und der augenblicklichen Lage. Es ist im Grunde der Unterschiedzwischen der männlichen und weiblichen Veranlagung in bezug auf dieBetrachtung der Dinge, die hier der Dichter mit psychologischem Einfühlendarstellt.

Auch dem Helden des Gedichtes, Walther, steht eine treue Gefährtinzur Seite: während das alte königliche Ehepaar Pläne erwägt für das Wohldes Reichs,erfüllte Haß der Verbannung ihr Herz und Liebe zur Heimat"(Althof v. 354).

Von dem modernen Romandichter würde die Liebe dieser beidenjungen Menschen in den Mittelpunkt der Ereignisse gestellt werden, aberim germanischen Heldensang ist das Empfinden anders gestimmt. Nichteine das innere Sein verklärende Liebe ist die Triebkraft zur Steigerung desMenschenwesens, sondern die Tapferkeit, es ist durchaus männliche Dich-tung und der Mann wird gezeichnet, das Weib tritt ganz zurück.

Und so ist auch hier in unserm Lied das Verhältnis. Bis zu dem wirk-samen Mittel des Kontrastes versteht der Dichter männliche und weiblicheArt zu scheiden. Der Mann ist der Herr, der Gebieter: die Jungfrau fälltWalther zu Füßen, sie wird erfüllen, wozu er ruft (v. 249),Euer Wille istder meine, befehlen' möge der Herr zum Glück oder Unglück; aus Liebezu ihm ist mein Herz zu Allem bereit" (v. 257ff.). Der Mann ist der Held,das Weib ist furchtsam (v. 352), schreckhaft (v. 892); dort der Gebieterhier der willenlose Gehorsam, dort die Kraft, hier die furchtsame Schwäche.Hier ist nichts von dem Heldenweib, von der Walküre, die noch in Kriem-hilds, in Gudruns leidenschaftlichem gegen das Schicksal sich auflehnendenTrotze fortlebt. Das Weib, das dem Mönche vorschwebt, hat all sein Selbstaufgegeben in liebendem Gehorsam, wie die Nonne alles läßt, um sichihrem Gotte zu weihen.

In Walther hat der Dichter sein Heldenideal gezeichnet: er ist dergermanische und zugleich christliche Ritter, denn sein Heldenmut ist ge-tragen von Frömmigkeit. Hier aber hatte ihm schon Virgil ein Muster ge-geben mit seinem pius Aeneas. Ehe Walther den Becher, den ihm Hiltguntreicht, an die Lippen setzt, schlägt er das Zeichen des Kreuzes (v. 225);als er die blitzenden Lanzen der Franken erblickt, da vertraut er auf Gott,der so oft ihn aus Gefahren errettet (v. 552 f.), und nachdem er siegreichaus allen Einzelkämpfen mit den Vassalien hervorgegangen, da spricht ersein Dankgebet dem Schöpfer, dem Allmächtigen mit der Bitte um das