388 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Der Stoff') ist vortrefflich gegliedert. In klarer Disposition schreitet dieErzählung ohne störende Längen ebenmäßig fort, immer fesselnd, auch da,wo der Inhalt sich wiederholt. Einzelzüge, oft von kräftigem Realismus,verstärken den sinnlichen Eindruck. In das rasche Tempo der Erzählungsind lyrische Akkorde verwoben, die in die dramatische Bewegung warmeGefühlstöne einklingen lassen, oft geradezu Ruhepunkte nach starker Er-regung. Beschreibungen von Gegenständen dienen zu sachlicher Ausmalung,ohne den Fortschritt der Handlung zu hemmen. Mit Vorliebe verweilt derDichter, dem Stil des Heldenepos entsprechend, bei Kampfschilderungen.Und gerade hier zeigt sich seine Gewandtheit, denn die zwölf Kämpfe, dieWalther gegen die Frankenkrieger zu bestehen hat, nehmen alle einen ver-schiedenen Verlauf. Mit einer Fülle von Gestaltungskraft läßt er die ein-zelnen Bilder, jedes für sich, ausdrucksvoll und lebendig an uns vorüber-ziehen. In immer neuen Variationen sind die Darstellungsmittel gruppiert,die Waffen (Schwert, Lanze, Wurfspieß, Pfeile, Streitaxt, Dreizack), die Artdes Zusammentreffens der Gegner, ihre Verwundungen, ihre Anzahl (Einzel-kämpfe, vier zusammen aus der Ferne den Dreizack werfend gegen Walther,zum Schluß Günther und Hagen zu zweien gegen Walther), die Persönlich-keiten der Helden in ihren äußern Verhältnissen (Alter, Verwandtschaft), inihrem Benehmen vor dem Kampfe, die Herausforderungsreden, die stärkereoder geringere Sympathie, die einer erweckt: eine Fülle von Motiven ge-staltet den Stoff zu mannigfach bewegtem Leben.
Zu tieferer Individualisierung ist natürlich auch Ekkehards Kunstnicht gelangt. Aber die Hauptcharaktere sind mit reicheren Zügen aus-gestattet als'im typischen Stil des germanischen Epos.
Es gehört zur Technik des Gedichtes, daß alle Figuren in gewisseGruppen geteilt sind. Die Hauptpersonen sind paarweise zusammen-geschlossen, Attila und Ospirin, Walther und Hiltgunt, Walther und Hagen,Hagen und Günther. Unter nationalem Gesichtspunkt gehören zusammender König und die Königin der Hunnen, Günther und seine zwölf Franken,zwischen beiden stehen Walther und seine Verlobte.
Attila ist wie in der deutschen Heldendichtung sympathisch gezeichnetals der gütige Herr, aber Ekkehard weiß diese Eigenschaft stärker zu heben,schon durch die ihm zu Gebote stehende sprachliche Ausdrucksfähigkeit;besonders aber indem er ihn aktiv in die Handlung eingreifen läßt, wäh-rend in den mittelhochdeutschen Volksepen Attilas Wohlwollen doch nur■ein passives Geschehenlassen ist. Und noch durch eine weitere Ausstattungbringt er Leben in diese Figur: er ist ihm der Hauptträger des Humors.Des Hunnenherrschers Katzenjammer (v. 358 ff.) gehört zu den ergötzlich-sten Szenen der gesamten mittelalterlichen Dichtung und ist mit vollendeter
') Ueber die Beziehungen des Waltharius | von Roethe, Vogt, Droege, Roemer untenzum Nibelungenlied s. die Abhandlungen ! unter „Lat. Nibelungenlied".