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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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385
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B. Die Literaturdenkmäler. 3. Lateinische Denkmäler. § 79. Waltharius. 385

Den Verfasser des lateinischen Walthariusliedes kennen wir nur aus Ekke-hards IV. Casus S. Galli IX, 80. Es war Ekkehard I., ein hervorragendesMitglied der Klostergemeinschaft von St. Gallen. Geboren um 900910in einem vornehmen Geschlechte aus der Umgegend des Klosters, war erspäter Dekan und wurde sogar zum Abt vorgeschlagen (anno 958), ver-zichtete aber auf diese höchste Würde, weil er infolge eines Sturzes vomPferde hinkte. Er war von mildem, menschenfreundlichem Wesen und sehrwohltätig. Er starb am 14. Januar 973 (Annales S. Galli majores, Mon.Germ. Script. I, 80).»)

Berühmt war er als Dichter geistlicher Lieder (s. oben Modus Carel-manninc). Als Schüler verfaßte er das Leben des Walther Starkhand,Vitam Waltharii manu fortis (der Titel am Schluß des Gedichtes v. 1456selbst lautet Waltharii poesis), und zwar, wie Ekkehard IV. ausdrücklichberichtet, für seinen Lehrer, womit auch die Bemerkung der letzten Versedes Liedes übereinstimmt, in denen sich der Dichter selbst mit einerjungen, noch nicht flüggen Zikade vergleicht. Das Gedicht ist also eineSchulaufgabe zur Einübung in den lateinischen, poetischen Stil, ein Dic-tamen, wozu der Lehrer das Thema gegeben hatte. Es mag also zwischen920 und 930 entstanden sein. Der vierte Ekkehard hat, wie er selbsta. a. O. mitteilt, die Arbeit seines Vorgängers Ekkehard I. korrigiert im Auf-trag des Erzbischofs Aribo von Mainz (10201031, in Mainz war Ekke-hard IV. seit 1022 Leiter der Domschule), denn der jugendliche Dichterhabe in seinem Latein noch zu viel Anklänge an das Deutsche gebracht.Was er daran geändert hat, ob eine der erhaltenen Handschriften dieÜberarbeitung enthält, ist nicht sicher festzustellen. Jedenfalls waren esnur formale, sprachliche und vielleicht auch metrische Korrekturen. 2 )

Eine Weiterung in der Verfasserfrage bietet noch der Prolog, der, in22 Hexametern geschrieben, in der einen Klasse der Handschriften, dersogenannten Geraldusgruppe, dem Gedicht voraufgeht: hier überreicht einGeraldus einem Erchamboldus, einem pontifex summus und praesul Dei,

') Mon. Germ. Script. II, 118: Scripsitet in scolis metrice, vacillanter quidem,quia in affectione non in habitu erat puer,vitam Waltharii manu fortis, quam Magon-tiae positi, Aribone archiepiscopo iubente,pro posse et nosse nostro correximus; bar-baries enim et idiomata eius Teutonem ad-huc affectantem repente Latinum fieri nonpatiuntur. (Deutsche Übersetzung bei Meyervon Knonau, Ekkeharts IV. Casus SanctiGalli, Geschichtschreiber der deutschen Vor-zeit. 2. Gesamtausg. lO.Jahrh. 11.Bd., Leipzig1891 S. 123 f.); Meyer von Knonau, Die Ekke-harte vun St. Gallen, Öffentliche Vorträge, ge-halten in der Schweiz, Bd. III H. 10, Basel 1876;Meyer von Knonau, Mitteilungen des histor.Vereins von St. Gallen 15,284 ff.; Kelle, LG.l,387 f.; Kögel, LG. 1, 276.; P. V. WlNTER-Deutsche Literaturgeschichte. I.

feld, Z. f. d.A.45, Anz. 27, 1824; P. v.Winterfeld, Die Dichterschule St. Gallensund der Reichenau unter den Karolingernund Ottonen, Neue Jahrbücher f. d. klassischeAltertum 3, H. 5; M. H. Jellinek, Ekkehard IV.über den Dichter des Waltharius, Z. f. d. A.48, 310-312.

2 ) Scheffel stellt in seinem Roman Ekke-hard die kleinen und großen Begebenheitendes Klosters St. Gallen und seiner Umgebungim 9. Jahrhundert lebensvoll dar, gestütztauf Ekkehards IV. Chronik. Doch sind aufden Helden des Romans, Ekkehard I., denDichter des Walthariusliedes, die SchicksaleEkkehards IL, des Höflings, übertragen, denndieser war der Lehrer der Herzogin Hadu-wig (Ekkehards IV. Casus S. Galli X, 90).

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