382 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
unterschied, oder daß stumme, bloß die Bewegungen nachahmende Dar-steller diese Rolle übernahmen.
Wenn nun auch die Handlung nicht wirklich vorgeführt wurde und anszenische Bilder nicht gedacht war, so wirkt doch in den Komödien derHrotswith im Dialog das dramatische Moment oft durch Lebhaftigkeit undAnschaulichkeit der Sprache kräftig mit. Die Gespräche entwickeln sichrasch, die einzelnen Redeabschnitte sind meist kurz, sehr oft antworten sichdie Personen Schlag auf Schlag, realistisch, wie immer in einer erregtenHandlung.
Darin, im Dialog, beruht die dramatische Technik allein. Einteilungin Akte und Szenen gibt es nicht, auch keinen zielbewußten Aufbau mitsteigender und fallender Handlung. Aber die Entwicklung der Ereignissetritt doch klar heraus, trotz des häufigen und raschen Szenenwechsels,weil immerhin ein fester Grundplan vorliegt. Ausserdem hat die Dichterinfür das Verständnis des Vorgangs und zur Vorstellung der Personenden einzelnen Stücken kurze Inhaltsangaben in Prosa vorausgeschickt.Charakterisierungskunst ist ihr, wie dem Mittelalter zumeist, verschlossen,sie gibt nur Typen.
Die sechs Dramen zerfallen in zwei Gruppen: In 1, 2, 3 und 6 sinddie Heldinnen fromme Jungfrauen, durch die ein heidnischer Mann zumChristentum bekehrt wird (1 und 3), oder die durch einen Heiden denMärtyrertod erleiden (2 und 6); in 4 und 5 werden umgekehrt unfrommeBuhlerinnen durch heilige Männer zum Christentum und zu keuschemLebenswandel geführt.
1. Das erste Stück, zugleich das umfangreichste und technisch voll-endetste, ist die Passio des Gallicanus (der Festtag des Heiligen ist der25. Juni), des Feldherrn Constantins, der durch die Tochter des Kaisers,um die er wirbt, für das Christentum gewonnen wird, dann aber auf dieVerlobte und alle irdischen Ehren verzichtend sich dem Dienste Gottesweiht und sein Leben als Märtyrer unter Julian beschließt.
2. Während die Legende vom heiligen Gallicanus einen großen ge-schichtlichen Hintergrund hat, ist das zweite Drama eine possenhafte Er-findung. Dulcitius, Statthalter Diocletians, will die drei heiligen Jung-frauen Agape, Chionia und Irene zu seinen Dirnen machen. Sie sind ineiner Geschirrkammer eingeschlossen. Als er aber sich ihrer Liebe erfreuenwill, wird er von plötzlicher Geistesverwirrung befallen und umarmt stattihrer die Töpfe und Pfannen der Küche. Die Jungfrauen erleiden unterDiocletian den Märtyrertod (ihr Festtag ist der 3. April).
3. Den stärksten poetischen Gehalt von allen diesen Legenden hat diedritte, die von Callimachus. Sie hat ihren Ursprung in den apokryphenJohannesakten, ist also griechischer Herkunft. Wahnsinnige Leidenschafttreibt den Callimachus zum Grab der Geliebten, die Christus zu sich ge-nommen. Da er die Tote umarmen will, erscheint eine Schlange. Ent-