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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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B. Die Literaturdenkmäler. 3. Lateinische Denkmäler. § 78. Hrotsvitha. 381

Humanisten Konrad Celtes wurde die Handschrift wieder aufgefunden und1501 herausgegeben. 1 )

In der Präfatio spricht sich die Verfasserin über die Wahl der drama-tischen Form aus: sie ahmt den Terenz nach, weil seine Lügengeschichtenselbst von vielen christlichen Männern, die sich mit der heiligen Schriftbeschäftigen, wegen ihres angenehmen Stils gelesen werden, während siedoch mit ihrem verabscheuungswürdigen Inhalt die Seele beflecken; sieaber, Hrotsvitha (sie übersetzt hier wörtlich ihren Namen mit'ClamorValidus'),will in ihrem Werke jenen schändlichen Frauen gegenüber in seiner (desTerenz) eigenen Dichtart (das ist in dramatischer oder Gesprächsform) diepreiswürdige Keuschheit heiliger Jungfrauen verherrlichen. Den Stoff selbstaber entnahm sie nicht den Komödien des Terenz, sondern als Quellenbenutzte sie christliche Legenden. 2 )

Der Zweck also und zugleich die Idee dieser Dramen ist der Preisdes Nonnenideals, der jungfräulichen Reinheit, und zur Nachahmung desTerenz wurde sie bewogen durch den Reiz der dramatischen Form. DasBedenkliche dieser Pädagogik, durch Darstellung der Unzucht zur Keusch-heit zu erziehen, war ihr nicht ganz verborgen, sie ist, wie sie erzählt, oftselbst vor Scham dabei errötet, aber je verführerischer die Schmeicheleienlieberasender Männer sind, um so größer ist der Triumph beim Sieg derjungfräulichen Unschuld.

Auch in der rhythmischen Form wollte Hrotswith den Terenz nach-ahmen, aber sie verstand sie nicht mehr richtig. Die Dramen sind in Prosaabgefaßt, deren Kola meistens gereimt sind. Der Versbau des Terenz warim Mittelalter überhaupt nicht mehr bekannt. Auch waren die Stücke derNonne wohl nicht zur Aufführung bestimmt, sondern nur zur Lektüre.Die klassische Bühnenkunst war überhaupt in Vergessenheit geraten. Diedramatische Darstellung beschränkte sich auf Rezitation mit Mimik, sei es,daß der Vortragende selbst die einzelnen Personen durch Gebärdenspiel

') Die Hs., 10./11. Jh., stammt aus St.Emmeram und wurde von Celtes in Regens-burg gefunden. Jetzt ist sie in der Kgl. Bi-bliothek in München, Cod. lat. 14485; Be-schreibung bei v. Winterfeld S. Ulf.

2 ) Aber das Unternehmen wird erst rechtbegreiflich, wenn man das Ansehen berück-sichtigt, das Terenz im Mittelalter hatte.Er war einer der wichtigsten Schulautoren,darum hat auch Notker Labeo seine Andriafür den Klosterunterricht herausgegeben(s. unten). Und er wurde überhaupt inerster Linie gar nicht wegen des Inhalts,sondern wegen seiner Sprache gelesen.Hrotsvitha nun wendet sich gegen die, die,während sie sich an der Süßigkeit derSprache ergötzen, sich beschmutzen durchdie Lektüre der schimpflichen Gegenstände(v. Winterfeld S. 106 Z. 57). Also vom

Standpunkt der Rhetorik aus muß das Stu-dium des Terenz betrachtet werden undHrotsvitha will seine Sprache als Mustergelten lassen; nur den anstößigen Inhalt ver-wirft sie. nicht den Terenz überhaupt. Wennman also sagt, daß Hrotsvitha den Terenzverdrängen wollte, so ist das nur halb richtig.Daß Terenz für den Schulunterricht gebrauchtwurde und überhaupt als Klassiker galt, hatseinen Grund darin, daß er schon bei denRömern diese Stellung einnahm. Die mittel-alterliche Schule ist nur eine Fortsetzung desUnterrichts im sinkenden Römertum. (Terenzin der Schule: Specht, Unterrichtswesen,Register S.409; Manitius, Register S. 760;Max Herrmann, Terenz in Deutschland,Mitteilungen der Gesellschaft für deutscheErziehungs- und Schulgeschichte 3, 6).