B. Die Literaturdenkmäler. 3. Lateinische Denkmäler. § 78. Hrotsvitha. 379
nicht, sie sind ganz unvolkstümlich, rein kirchlich oder wissenschaftlich.So stehen sie, wie die ganze Gattung, die sie vertreten, im Gegensatz auchzu der mönchischen Tierdichtung, der Ecbasis; denn während in dieserdas Wirkliche im Spiegel weltlicher Vorstellungen gegeben ist, in Mischungvon Ernst und Scherz, hat Hrotsvitha die alleinige Absicht, das Göttlichevom Menschlichen zu säubern. In der Ecbasis, die der Schwankdichtungnahe steht, lebt ein Stück des volksmäßigen lateinischen Mimus weiter,Hrotsvitha aber hat die ausgesprochene Tendenz, diesen aus dem heiligenBezirk der Klöster zu verbannen. Bei ihr ist, mit geringer Ausnahme, allesErnst und Würde, Satire und Humor gibt es in der Behandlung der heiligenDinge nicht.
Wenn also diese Legenden und Dramen international kirchlich sind
— sie könnten ebensogut in Gallien entstanden sein —, so sind es dochSchöpfungen einer Zeit, in der eben poetisches Vermögen in Deutschland
— abgesehen von der uns nicht erhaltenen Volkspoesie — fast nur inlateinischer Sprache zum Ausdruck kam. Und eine eigentümliche Erschei-nung des Geisteslebens in Deutschland sind sie auf jeden Fall.
Hrotswith stammte aus edlem, sächsischen Geschlecht und war geborenum das Jahr 935. Als Nonne des Klosters Gandersheim, das zu demsächsichen Königshause in enger Beziehung stand, und wissenschaftlicherzogen durch Gerberg, Ottos I. Nichte und späteren Äbtissin, verfaßte sieihre Dichtungen. Sie zerfallen in drei Bücher:
I. Das erste Buch, wahrscheinlich nach 962 ausgegeben, enthält achtLegenden in leoninischen Hexametern (nur das dritte Stück der Reihe,Gongolfus, ist in leoninischen Distichen abgefaßt).
1. 2. Die beiden ersten Legenden, Maria und De Ascensione Do-mini, behandeln biblische Stoffe, das Leben der Jungfrau Maria bis nachder Rückkehr aus Ägypten, auf Grund des apokryphen Evangeliums Pseudo-Matthaei; und die Himmelfahrt Christi, nach einer griechischen, ins Lateinischeübertragenen Version der Erzählung der Evangelien, die besonders in denReden stark erweitert ist.
Die sechs folgenden Stücke sind Heiligenlegenden.
3. Passio Sancti Gongolfi martyris, eine romanhafte Ehebruchs-geschichte. Gongolf (Gangolph) ist ein burgundischer Großer im Reiche Pip-pins, ein frommer Mann und Freund der Armen. Ein Kleriker verführt seinWeib, deren Schuld durch ein Quellenwunder (ihre Hand verbrennt in demWasser der Quelle) entdeckt wird, und ermordet den gütigen Gatten. Der Grundzu dessen Märtyrertum in Hrotsvithas Darstellung besteht eigentlich wesent-lich darin, daß er durch Ehebruch betrogen und von dem Verführer getötetwird. Das Weib wird durch ein Wunder mit einer lebenslänglichen, tragi-komischen Strafe belegt, die wie ein burlesker Scherz klingt und die sichnicht leicht erzählen läßt. Diese Heiligengeschichte, in der nur wenigHeiliges vorkommt, zeigt so recht den Tiefstand der Legendenbildung in