378 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Nach der Mitte des 12. Jahrhunderts fallen die vier deutschen Denk-sprüche und die acht lateinischen Sprüche, deren erster von deutscher Über-setzung begleitet ist, die in MSD. unter Nr. 49 (dazu II 8 , 312—314) ver-öffentlicht sind. Die deutschen Sprüche bestehen aus Strophen von vier.bezw. sechs Zeilen in assonierenden Reimpaaren. Nr. 2 berührt sich mitder Lehre Herzeloydens in Wolframs Parzival (127, 15 f.) 1 ), Nr. 3 mit Sper-vogels Spruch in Minnesangs Frühling 28, 34. Die lateinischen Sprüchehaben zwar im Deutschen Parallelen, haben aber ihren Ursprung nicht inDeutschland.
Es muß in althochdeutscher Zeit einen reichen Spruchschatz gegebenhaben, das ergibt sich aus der großen Beliebtheit des Sprichworts im Mittel-hochdeutschen, in der Dichtung, in der Predigt, im Rechtsleben, oder ausSammlungen wie dem Freidank, dem Renner. Eine bedeutende Sprich-wortliteratur brachten die Humanisten hervor und in unserer Zeit ist dieSprichwortwissenschaft zu einem eigenen Zweig der Volkskunde geworden. 2 )
§ 78. Hrotsvitha.
Piper, Alt. d. Lit. S. 321—335; Kelle, LG. 1,191.193f. 217. 373.3741387; Watten-bach 1 7 ,370 ff.; Ebert3, 285—329; Manitius 1,619—632; Gröbers Grundr. der romani-schen Philologien, 1, 174. — Wilh. Creizenach, Geschichte des neueren Dramas, 1. Bd.2. Aufl., Halle 1911, S. 3.16—19. 510 (s. auch unter Terenz, Register S. 623); Wilh. Cloetta,Beiträge zur Litteraturgeschichte des Mittelalters und der Renaissance, Halle 1890, s. RegisterS. 163. — Älteste Ausgabe der Dramen von Conrad Celtes, Nürnberg 1501; Leibniz,Scriptores rerum Brunsvicensium 2, 319ff. (die Primordia); K. A. Barack, Die Werke derHrotsvitha, Nürnberg 1858, dazu K. Bartsch, Germania 3,375—381; Hauptausgaben: Pavlvsde Winterfeld, Hrotsvithae opera, Scriptores rervm germanicarvm in vsvm scholarvmseparatim editi, Berolini 1902, dazu Karl Strecker, Z.f.d.A. 47, Anz. 29, 34—53; KarolusStrecker, Hrotsvitae Opera omnia, Lipsiae 1906 (Teubner). — Übersetzungen: J. Bendixen,Das älteste Drama in Deutschland; oder: die Comödien der Nonne Hrotswitha von Gan-dersheim, übersetzt und erläutert, erste Hälfte, Altana 1850, Fortsetzung und Schluß, ebda1853; Piltz, Die Dramen der Roswitha von Gandersheim, Reclams UniversalbibliothekNr. 2491 f., Leipzig, Reclam (o. J.). — Gustav Freytag, De Hrosuitha poetria, adiecta estcomoedia Abraham inscr., Breslau 1839 (Habilitationsschrift; s. auch Erinnerungen aus meinemLeben S. 139); R. Koepke, Hrotsuit von Gandersheim, Ottonische Studien II, Berlin 1869.
Die merkwürdigsten Erscheinungen der gelehrten lateinischen Dichtungin Deutschland im Zeitalter der Ottonen sind die Werke der Nonne Hrot-svitha von Gandersheim. 3 ) Mit der deutschen Literatur berühren sie sich gar
ce^hwcem, pcet he his freond wrece ponnehe fela murne: üre cejhwylc sceal endesebidan worolde lifes 1384 ff. u. a. (R. M.Meyer, Die altgerman. Poesie nach ihrenformelhaften Elementen beschrieben, S. 455f.).2. Sprüche mit, wenigstens scheinbar,bedeutungslosem oder selbstverständlichemInhalt, wie unsere Nummern 3. 4. 7. 9. 10. 12.Derartig sind viele Einzelverse der ags.Gnomensammlungen wie II, 2,72—75 (ExeterHs., Grein-WOlcker I, 2, 345), die aber zu-sammen mit dem wirksamen Abschluß v.75f.eine erhabene Lehre illustrieren. Möglich ist,daß auch Nr. 9 und 10 als Glieder einer sol-
chen priamelartigen Reihe ihre Bedeutunghatten. Für Nr. 3 sei noch verwiesen auf diemhd., auch nhd. Kettenreime (Wackernagel,LG. I 2 , 331 Anm. 2, wozu noch Germ. 25,335; Sachse, Über Volks- und Kinderdich-tung S. 18ff.; Böhme, Kinderlied und Kinder-spiel S. 306—312).
x ) Singer, Abhandlungen zur germa-nischen Philologie, Festgabe für Heinzel,S. 354 ff.
2 ) Siehe oben S. 53—55.
3 ) Hrotsvitha ist die latinisierte Formfür as. Hrötswith.