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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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377
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B. Die Literaturdenkmäler. 3. Lateinische Denkmäler. § 77. Sprichwörter. 377

Fall läßt erkennen, daß es zur Volkssitte gehörte, zur Bekräftigung von Mei-nungen, Entschlüssen und Handlungen sich auf das Gewicht der allgemeinenErfahrung zu berufen. Auch gibt sich der Satz schon durch die Form alsSprichwort zu erkennen, denn häufig wird das durch die Erfahrung gelehrteGebot gekleidet in die Worteman sol", ags. mon sceal..., cyninj sceal...,z. B. Rced sceal mon secjan Grein, Bibl. d. ags. Poesie ed. Wülcker I, 2,349,139, sleawe men sceolon ^leddum wrixlan II, 4 (S. 342); mhd. beim jungemSpervogel: Unmcere hunde sol man schupfen zuo dem bern MinnesangsFrühling 20, 9, u. ö.

Die ältesten deutschen, als selbständige Stücke, nicht im Zusammen-hang einer Erzählung überlieferten Sprichwörter sind in Notkers Logik er-halten (s. unten). 1 ) Es sind zwölf, eines davon steht auch in NotkersBoethius, Buch IV Cap. 56. 2 ) Dazu kommen noch drei Nummern in derSt. Galler Handschrift 111 (s. MSD. II 3, 135), von denen aber die beidenersten Sprüche auch schon in Notkers Logik enthalten sind; der letzte,der auch im Ton von denen der Logik absticht, ist aus dem latei-nischen Dialog von Salomo und Saturnus übersetzt. Ein Sprichwortfügt Notker ein als Erklärung von Psalm 101, 8, 3 ) das in der Kloster-schule bekannt gewesen sein mußte, denn es ist auch in die Fecunda ratisaufgenommen (1, 66). Auch in der Erwähnung und Verwerfung des Wort-gefechts zwischen Salomon und Markolf Ps. 118,85 (Piper II, 522, 19 ff.)zeigt er sein Interesse für die Spruchliteratur.

Notker hat die Sprichwörter in seiner Logik als Beispiele für gewisselogische Sätze eingeschaltet, ähnlich wie die deutschen Verse in seiner Rhe-torik als Erläuterungen, für stilistische Formen, also zum Unterricht in derSchule. Es sind kurze, meist auf das kleinste Maß beschränkte ein- oderzweigliedrige Prosasätze, nur der erste Spruch besteht aus zwei zwei-gliedrigen Sätzen, die sich wegen der klaren Ausdrucksform gut alsBeispiele für logische Definitionen eignen. Alle haben das Gemeinsame, daßsie zwei Begriffe in Beziehung zueinander setzen, entweder als Ganzes undTeil (Nr. 1 und 2) oder als Gleiches und Gleiches (Nr. 3. 4. 5. 6. 7. 8) oderals Ursache und Wirkung (Nr. 9. 10. 11 und dazu auch Nr. 12). DeutscherHerkunft sind sie nicht alle, denn Nr. 6 ist sicher Übersetzung eines Di-stichons des lateinischen Cato, Nr. 12 stimmt, wie erwähnt, überein mit einemStück des lateinischen Dialog zwischen Salomo und Saturnus, Nr. 8 ist inFrankreich heimisch gewesen. 4 )

') MSD. Nr. 27,1; Piper, Die SchriftenNotkers L, 593, 20-595, 28 u. S. CLIIf.

2 ) MSD. Nr. 27, 11 (I 3 S. 59); Piper I,302 22

' 3 ) MSD II 3 , 146; Piper II, 421, 28.

4 ) Man kann bei den germanischen(westgermanischen) Gnomen nach der ethi-schen Bedeutung hin zwei Arten unter-scheiden:

1. Sprüche mit starkem ethischem Ge-halt, die wirklich ein ernstes sittliches Urteiloder eine wichtige Lebenserfahrung aus-sprechen. Hierher gehören die spruchartigenVerse in der epischen Poesie wie der gno-mische V. 37 im Hildebrandslied (s. oben)und besonders die Schicksalssprüche oderLebensregeln im Beowulflied wie 3«<f äwyräswä hio scel v. 455, ferner v.572 f., selre biet