376 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
in zuweilen cäsurgereimten (leoninischen) Hexametern, für den niedernUnterricht, das Trivium, bestimmt.
Egbert, aus einem vornehmen deutschen Geschlechte stammend, warLehrer, wahrscheinlich an der Domschule, in Lüttich, etwa vom Jahr 1000bis 1040. Die Sammlung trägt den bildlichen Titel 'das vollbeladene Schiffund zerfällt in zwei Teile: die prora, Vorderteil, Bug, enthaltend meist welt-liche Stücke, Sentenzen in der Art der Distichen des Cato, und fabelartigeGedichte, in zusammen 1768 Versen; und die puppis, Hinterteil (Spiegel),in 605 Versen, mit ernsthaftem, geistlichem Inhalt.
Die meisten Stücke entstammen der lateinischen Literatur, der gelehrtenTradition, doch aber sind etwa zweihundert dem einheimischen Spruch-schatz entnommen. 1 ) Allerdings ist schwer zu entscheiden, welche Sprich-wörter wirklich deutschen Ursprungs sind.
Aus dem 12. Jahrhundert besitzen wir eine Anzahl lateinischer Sprich-wörtersammlungen, 2 ) deren Bestandteile aber meist weit älter sind (ein oderdie andere Sentenz ist schon aus dem 10. Jahrhundert belegt): Die Pro-verbia Heinrici und verwandte Abfassungen, nach 6 Hss. herausgegebenin den Denkmälern, 3 ) von denen AB CD im 12. Jahrhundert, E und V im13. Jahrhundert geschrieben sind (unter der Überschrift 'Prouerbia Heinrici'stehen nur die in der Hs. D enthaltenen Sprichwörter); die Zahl der ein-zelnen Sprüche wechselt in den Handschriften. Die Proverbia Wiponis,des berühmten Historikers, des Kaplans Konrads II. und Heinrichs III., fürletzteren etwa um 1028 verfaßt; Ötlohs (s. oben S. 330) Liber pro-verbiorum, der in der Einleitung seines Buches ausdrücklich erklärt, daßer seine Sprich Wörtersammlung für nützlicher halte als die Worte Catos;endlich Arnulfi deliciae cleri und die Scheftlarer Sprüche.
Der Inhalt dieser lateinischen Sentenzen erstreckt sich größtenteils aufallgemeine Erfahrungen, die verschiedene Völker unabhängig voneinandergemacht haben können. Ebenso liegen viele der bildlichen Einkleidungenin dem Bereich allgemein gültiger Vorstellungen. Sehr häufig sind mensch-liche Eigenschaften im Bilde des Tierlebens dargestellt, z. B. Nemo canemtimeat, qui non laedit nisi latrat = Schweigender Hund beißt am ersten. 4 )Das also ist derselbe Vorgang wie bei der Tierfabel, die überhaupt starkeBerührung mit dem Sprichwort hat. Sie aber ist klassischer Herkunft, dasAltertum besaß eine feine Beobachtungsgabe für die Tierwelt und vielemittellateinischen Sentenzen haben hier ihren Boden. Man kann also, wennHund, Katze, Maus oder Wolf in einem Sprichwort vorkommen, nicht ohneweiteres auf deutschen Ursprung schließen.
Das älteste deutsche Sprichwort ist im Hildebrandslied enthalten: mitgern scal man geba infähan, ort widar orte v. 37f. Und dieser eine
') Voigt in seiner Ausgabe, Einleitung j s ) MSD. Nr. 27, 2 (I 3 , 59—66) u. II 3 ,
g Lx 135 __ 152
2 j Voigt, Z. f. d. A. 30,260—280. 4 )MSD.I 3 ,2,114(S.62);Kögel,LG.2,176.