Die Literaturdenkmäler. 3. Lateinische Denkmäler. § 76. Rätsel. 375
kann man nur mit geschlossenen Augen sehen?" „Den Schnarchenden").Diese Rätsel gehen großenteils auf klassische Schriften zurück, so auf dieAltercatio Hadriani et Epicteti, Altercatio Hadriani et Plinii Secundi. In dieseReihe gehören die angelsächsischen, lediglich auf religiöse und sittliche Be-lehrung sich erstreckenden Gespräche zwischen Salomo und Saturn, fernerdie Contradictio Salomonis und das ins Grotesk-Spielmännische gezogenemittelhochdeutsche Gespräch zwischen Salomo und dem Bauern Markolf(s. unten Bd. II dieser Lit.Gesch.), dann das lateinische Fragebüchlein desMünchner Codex Clm 19417 (9. Jh. aus Tegernsee), 1 ) wo schon rätselähn-liche Fragen gestellt sind wie „Was wächst und nimmt ab?" „Der Mond";besonders aber solche des Theologieunterrichts wie „Wer ist gestorbenund ist nicht geboren?" „Adam."
Als wirkliche Rätselsammlung der althochdeutschen Zeit können dielateinischen Aenigmata risibilia der Reichenauer Hs. 205 (9. Jh., jetzt inKarlsruhe) angesehen werden. 2 ) Es sind sechs Stücke, von denen Nr. 1. 3.4. 5. 6 gleich oder in Variationen weiter verbreitet waren, während Nr. 3noch nicht sonst nachgewiesen ist. Am meisten Charakter hat das viertevom Schnee und der Sonne: Es flog ein Vogel federlos, saß auf dem Baumblattlos, da kam ein Mensch handlos, bestieg ihn fußlos, briet ihn ohneFeuer, verzehrte ihn ohne Mund. 3 ) Diese Stücke sind, wie die vorgenanntenSammlungen der Geistlichen, nicht der volkstümlichen Literatur zuzuzählen.
§ 77. Sprichwörter.
Siehe oben S.55; MSD. Nr. 27 u.II 5 , 133—152; Piper, Alt. d. Lit. S. 275—287, Nachtr.S.206; Kelle, LG. 1, 229f. 393; Kögel, LG. 2, 171—182, Grundr.» S.68; Steinmeyer, Er-gebnisse S. 235 f.
Die Germanen besaßen einen großen Schatz von Spruchweisheit, mitden neuen Ideen des Christentums sind aber noch viele fremde Sentenzenin das nationale Volksgut aufgenommen worden. Auch hier hatte, wie beider Pflege des Rätsels, die Schule einen großen Einfluß. Die praktischenLebensregeln Catos, die Disticha Catonis, waren eins der wichtigsten Lehr-bücher für den Unterricht in den Klosterschulen (s. Bd. II). Aber seit dem An-fang des elften Jahrhunderts entstanden neue, ausgesprochen mittelalterlicheSammlungen, wodurch das Gebiet der Gnomen bedeutend erweitert wurde.Aus drei Quellen setzt sich hier der Bestand der Sprichwörter zusammen:sie sind, wie früher, der Distichensammlung des Cato entnommen, außer-dem nun auch der Bibel und der religiösen Literatur, endlich sind auchmanche aus dem Volksmunde geschöpft.
In dieser Art ist das bedeutendste Spruchbuch, Egberts von LüttichFecunda ratis 4 ), abgefaßt, eine Sammlung von nahezu tausend Nummern
») Hgb. von Wilmanns, Z.f. d.A. 15,166 | 3 ) Müllenhoff, Z. f. d. Mythologie 3,
bis 180. Zur Hs.s. Steinmeyer, Ahd. Gl. 4,569. j 18—20.
2 ) MSD. Nr.7 u.II 3 , 58t; zuerst heraus- i *) Ernst Voigt, Egberts von Lüttich
gegeben von F. J. Mone im Anzeiger für Fecunda Ratis, zum erstenmal herausgegeben,
Kunde der teutschen Vorzeit 7 (1838), 40; ; auf ihre Quellen zurückgeführt und erklärt,
Piper, Nachtr, S.206. | Halle 1889; Piper, Höf. Epik 3, 706-709.