374 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Gedicht, in welchem der leoninische Hexameter (Reimung der Cäsur auf denVersschluß) nahezu vollständig durchgeführt ist.
§ 76. Rätsel.
Siehe oben S. 55f.; MSD. Nr. 7 u. II 3 , 58f.; Kelle, LG. 1,74.96.188.230.393; Kögel,LG. 1, 64—66. 2, 165—171, Grundr. 2 S. 68; Manitius 1 s. Register 756.
Althochdeutsche Rätsel sind uns nicht erhalten, wohl aber blühte dieRätseldichtung bei den Angelsachsen. Aldhelm, 1 ) Abt des Klosters Malms-bury (f 709), schrieb eine lateinische Rätselsammlung (Aenigmatum liber,hundert Rätsel) in Anlehnung an die lateinische Sammlung des sog. Sym-phosius (Symposius), aber in poetisch gehobener Sprache. Diese Gattungwurde dann auch von den angelsächsischen Nationaldichtern gepflegt undwir besitzen eine Sammlung, die früher dem Cynewulf, dem hervorragend-sten angelsächsischen Dichter, zugeschrieben wurde. Das sind nicht mehrnur Fragen des Witzes, sondern poetische Kunstwerke, ausgestattet mit demPathos und der tiefen Natur- und Lebensanschauung, die dem angelsächsi-schen Volke eigen war. Es sind kleine epische Lieder, die zum Gemütsprechen, nicht bloß den Verstand beschäftigen wollen.
Das Rätsel in seiner Eigenschaft als poetische Schöpfung, wodurches zum Besitz der nationalen angelsächsischen Dichtung geworden war,wurde auch in England dann nicht weiter gepflegt, von historischer Be-deutung aber ist die zweite, die gewöhnliche Art, die kurze Rätselfrage,bei der die Überraschung die Hauptsache ist, die wesentlich auf den Ver-stand, den Scharfsinn abzielt. Als literarische Gattung des Mittelalters stammtdiese Art von Rätseln ebenfalls aus dem Lateinischen, ist also des gleichengelehrten Ursprungs, und zwar ist sie aus den Bedürfnissen des Schul-betriebs hervorgegangen. Die Methode des Unterrichts bestand in Fragenund Antworten zwischen Lehrern und Schülern. In Dialogform sind die fürdie Hofschule Karls des Großen bestimmten Lehrbücher der Grammatik,Rhetorik und Dialektik, die ars grammatica, ars rhetorica und ars dialecticaAlcuins, des Lehrers des Frankenreichs, 2 ) gehalten. Erörtert wurden Gegen-stände des Wissens, es waren Wissensfragen. Es gab auch Dialoge zurSchärfung des Denkens, 3 ) hier waren die Fragen Denkübungen, und dazueben wurden sehr gern Rätselfragen benutzt. Eine Mustersammlung hierfürist Alcuins Disputatio Pippini cum Albino scholastico 4 ) (gewidmet Pippin,dem zweiten Sohn Karls des Großen), deren erster Teil aus Definitions-fragen besteht, welche durch ein auffallendes Bild oder eine Metapher be-antwortet werden (z. B. „Was ist die Zunge?" „Eine Geißel der Luft"),während der zweite Teil hauptsächlich eigentliche Rätsel enthält (z. B. „Wen
•) Ebert 1, 585—595; Manitius 1, 134bis 142 u. Register S.726.
») Migne 101, 850—976; Ebert 2, 18bis 20; Manitius 1, bes. S. 280ff.; KarlWerner, Alcuin und sein Jahrhundert, bes.S. 22 ff.; Wilh. Schmitz, Alcuins ars gram-
matica, Greifswalder Diss. 1908; vgl. auchSpecht, Unterrichtswesen S. 18 ff.
3 ) Rätsel als „Denkübungen", vgl.Lamprecht, Deutsche Geschichte 2?, 62.
4 ) Wilmanns, Z. f. d. A. 14, 530—555;Migne 101,975—980.