B. Dm Literaturdenkmäler. 3. Lateinische Denkmäler. § 75. Ecbasis captivi. 373
Feinde verlassen, sind fränkische Krieger (v. 1140); Hornmusik der Frankenwird erwähnt (v. 943).
Als Anhaltspunkt für die Zeitbestimmung kommt eigentlich nur dieErwähnung König Heinrichs in Betracht, unter dem Heinrich I. gemeint seinmuß, wonach dann Chuonrad, Chuono, Konrad I. ist. Dann wäre als Ab-fassungszeit etwa _930—940 anzusetzen. 1 ) Zu Heinrichs Regierung passenauch die aus dem Gedichte im allgemeinen zu erschließenden politischenUmstände. Eine strengere Klosterregel setzt das Gedicht voraus, aber dazugenügte schon die schärfere Einhaltung der Benediktinerregel. Auf einewirkliche Reform, die 936 in St. Evre eingeführt wurde, ist nirgends Bezuggenommen. Der Dichter selbst verlegt das Ereignis der Außenfabel, dieFlucht des Kalbes, in die Osterzeit des Jahres 812 (v. 69), also auf einJahrhundert vor die wirkliche Abfassung. 2 )
Der Stil ist in der Mode der Zeit stark manieriert durch die Suchtnach ungewöhnlichen Ausdrücken und durch die schwierige Wortstellung.Ein klassischer Anstrich ist ihm verliehen durch die Auszierung mit derantiken Mythologie. Aber es fehlt dem Verfasser an Gewandtheit, an stili-stischer Übung. Dafür schmückt er sein Werk mit einer selbst für die Aus-drucksweise seiner Zeit übermäßigen Fülle klassischer Zitate, wonebenseine eigene Unfertigkeit um so mehr hervortritt. Am stärksten plündert erHoraz, 3 ) aus dem er etwa 250 Verse ganz oder teilweise entnommen hat(besonders aus den Sermonen und dem zweiten Buch der Episteln); dannVirgil, Ovid, Marcellus Empiricus und von christlichen Autoren Prudentius,Juvencus, Venantius Fortunatus, wohl auch Sedulius. 4 ) Aber wenn auchder formale Ausdruck an Mängeln leidet, so zeugt doch die Gesamt-bearbeitung des Stoffes von angeborener poetischer Begabung. Kräftig sindeinzelne Szenen herausgearbeitet und der das Ganze durchziehende, stellen-weise doch durch ernste Gedanken durchbrochene Humor versetzt denLeser in die dem Stoff entsprechende Stimmung.
Auch in der Verskunst, vor allem in der Prosodie, 5 ) zeigt sich derAnfänger als noch nicht völlig zu Hause. Indessen auch hier wieder dasStreben nach besonders glänzender Form. Es ist das erste, umfangreiche
J ) Um dieselbe Zeit entstand das la-teinische Heldengedicht Waltharius. Ecbasisund Waltharius sind Schülerarbeiten. Esscheint, daß die Behandlung weltlicher Stoffewie der Tierfabel und der Heldensage im10. Jahrhundert den Schülern oder jungenMönchen überlassen wurde, während sie,älter geworden, sich ernstern Gegenständenzuwandten, vgl. Ecbasis am Schluß v. 1224 ff.Es waren wohl rhetorische Übungen und ge-hörten in den Kursus der artes liberales, ehedie eigentlichen theologischen Studien be-gannen.
2 ) Zacher, Z. f. d. Phil. 8, 374f., willnoningentoslesen, das wäre dann dasJahr912.
3 ) Horaz' Sermones und Episteln warenLehrwerke für den stilistischen Unterricht:„Est igitur huius libri [i. e. ars poetica] ma-teria modus et inslructio rede scribendi,Conradi Hirsaugiensis Dialogus ed. SchepssS. 65.
4 ) Conrad Bursian, Münchner SB.1873 S. 460-473. — In S. Evre zu Toul be-fanden sich im 11. Jh. zwei Handschriftender Carmina des Sedulius, Manitius S. 322.Andere der oben genannten Autoren in derBibliothek von S. Evre s. Kelle 1,212, 384.
5 ) Traube, Neues Archiv für älteredeutsche Geschichtskunde 10, 382.