372 H. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Das Verhältnis zwischen Vorgang und Idee.ist nicht pedantisch durch-geführt, nicht im einzelnen ist jeder Punkt der Erzählung auch figürlicherAusdruckeines bestimmten Gedankens, sondern die Ereignisse entwickeln sichnaturgemäß aus den gegebenen Umständen ohne Rücksicht auf allegorischeZwecke. Es ist hier die Kunst symbolischer. Darstellung erreicht, wo derStoff frei für sich wirkt ohne Perspektive auf eine dahintersteckende all-gemeine Idee. — Historisch ist die ganze Auffassung des Stoffes, die Er-scheinungen sind betrachtet als Bilder einer bestimmten Zeit und eineseigenartigen Lebens, einerseits des Mönchtums, das geordnet ist nach derRegel des heiligen Benedikt, und andrerseits des weltlichen Staates mitseinem König, den Vasallen und Hofbeamten. Aber in wunderlicher Unklar-heit sind beide Gebiete vermischt.
Verfasser. Aus zerstreuten Andeutungen in dem Gedichte ist nur zuschließen, daß der Verfasser ein junger Mönch in Toul war (Tullensis dis-colus [ein der Zucht entratender] urbis v. 124), wahrscheinlich im KlosterS. Aper (S. Evre) (v. 465). Seine Heimat war das alte Lotharii regnum undzwar in engerem Gebiet, J^ojhringen, Luxemburg, am Westabhang der Vo-gesen. Das Kalb ist aufgewachsen im Wasgengau (v. 71), dorthin wendetes auch seine Flucht; auch der Hund ist ein Wasgauer (v. 329); der FlußRabado (v. 170) und der Bach Petrosus (v. 172) fließt bei den KlösternSenones und Mauermünster; als Burgen des Igels werden genannt „teu-tonice" (v. 687) Stensile und Hunsalva (v. 687. 689), die im heutigenLuxem hur.g nachgewiesen sind. Weiterhin sind genannt Trier wegendes Weines (v. 417. 733. 738), die Maas (v. 170ff.), Geroldinger Äpfel(poma Geroldinga v. 1026), Suuarzuualt (y. 1073) und Alemannien alsspäteres Gebiet des Löwen, doch ist die Geographie recht willkürlich be-handelt. Die Innenfabel spielt in romanischen Ländern: die Residenz desLöwen ist in Aquitanien in der Nähe der Gironda (v. 927), jenseits Burdi-gala (v. 455. 906). Ilerda (Lerida) in Katalonien gilt als Verbannungsort(v. 1118, aus Horaz Episteln I, 20, lci entnommen). Der Igel haust aufhohem Gebirgsschloß in Italien (v. 675. 683, die Rutuli stammen aus VirgilsAeneis). Durch Italien, an den Po, Ticinus geht die Reise des Fuchses(v. 460—462). Demnach ist als engere Heimat des Dichters der Wasgau,die Vogesen, anzusetzen.
Er war Deutscher von Geburt und innerer Neigung, Anhänger KönigHeinrichs (v. 132. 254), nennt Chuonrad (v. 685), Chuono (v. 1149). DenWestfranken ist er nicht günstig gesinnt (barbaricis Francis v. 284); Otterund Igel, die Vasallen des Wolfes, die dessen Burg beim Nahen der
tung der Individualität gegen unnatürlichenZwang. Was hier Freiheit scheint, ist jedochnur die Freiheit des Klosterhumors. Solche,gewiß weitgehende, Ironie war den Schülerngestattet, sie war wohl vereinbar mit derihnen erlaubten Freiheit. Persönliches, wenn
auch nicht äußerlich Erlebtes, so doch inner-lich Empfundenes, hat der Dichter immerhindoch dazu gegeben: das ist die echt mön-chische Selbsterniedrigung, indem er seineFaulheit hervorhebt und sich als asellus be-zeichnet.