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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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370 U. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

nicht so streng und das Jenseits wird in menschlich-natürlicher Näheempfunden. Das Göttliche und das Irdische lagen eng beieinander, ja manscheute nicht vor einer Herabziehung des Heiligen in niedrig menschlicheSphäre. Und so durfte der Klosterhumor zeitweise bis zu lärmender Aus-gelassenheit entarten, wenigstens für die Schüler. An Schulfesten spieltensie in Vermummung Wolf und Fuchs, es war ihnen erlaubt, ihre Lehrer undältere Mönche zu verspotten, die Rollen zwischen den Alten und den Jungenwaren auf diesen Tag es war besonders das Fest der unschuldigenKinder vertauscht. 1 )

Reich ausgeführt und zu einem umfassenden Kulturbild ausgestaltetist die

§ 75. Ecbasis captivi (Ecbasis cuiusdam captivi per tropologiam),Die Flucht eines Gefangenen tropologisch (symbolisch).

Hss.: A und B in der burgundischen Bibliothek zu Brüssel, aus dem11./12. bezw. dem 12. Jh.«)

Inhalt, v. 168. In der Einleitung spricht der Dichter von seinerPerson. Er bereut seine Trägheit in der Schule, wo man ihm den NamenEsel" beilegte, und will sich durch Arbeit von ihr befreien (v. 114). Zumkunstvollen Lied (Hymnus, Ode) reicht seine Begabung nicht aus, zumEpos (Legende, Geschichte) fehlt ihm das Wissen, also entschließt er sichzu frei erfundenem Stoffe, in der Absicht zu nützen und zu ergötzen(v. 1549). In Klosterhaft verfaßt er sein Gedicht, klagend über die ver-lorene Freiheit, daß er nicht mit den andern Mönchen hinausgehen kann, umdie Getreideernte und die Weinlese mitzumachen, gefesselt wie ein armes,an den Pfahl gebundenes Kälbchen. Dem gleichend will er nun auch dessenGeschichte beschreiben (v. 5068).

Die nun folgende Erzählung von der Flucht des Gefangenen zerfälltin zwei Teile, A eine^Außenfabel, die a) den Anfang (v. 69391) und b)den Schluß (v. 10981223) der ganzen Tiererzählung bildet, und dazwischenB, die Innenfabel (v. 3921097). A, die Außenfabel also, enthält a) dieFlucht des Kalbes und b) seine Rückkehr: Aa. Ein Kalb entflieht, alleinim Stalle zurückgelassen, und gerät in die Höhle des Wolfes, der es dennächsten Tag zu verspeisen gedenkt. Aber am andern Morgen wird dasFehlen des Kalbes entdeckt, man geht aus es zu suchen, der Hund spürtdie Behausung des Wolfes auf und die Herde, geführt von dem mächtigen

!) Wackernagel, LG. I 2 , 93, Anm.ll; j Z.f. d.A.20, Anz. 2, 87114; Fr. Seiler, Z.

Kelle, LG. 1, 205. | f. d. Phil. 8,362374 u. J. Zacher S. 374 f.;

2 ) Das Gedicht wurde in beiden Hand- I Kelle, LG. 1, 209213.384; Steinmeyer,

Schriften entdeckt von Jacob Grimm im Sep- ' Ergebnisse S. 234; Ebert 3, 276285; Ma-

tember 1834 und herausgegeben in seinen , nitius 1,616619 u. Register S. 736; Piper,

Lateinischen Gedichten S. 243330 (über j Alt. d. Lit. S. 289299. Zarncke, Berichte

die Hss. s. S. 286f.); Ernst Voigt, Ecbasis derSächs.Gesellsch.derWissensch. 1890(42),

Captivi, Das älteste Tierepos des Mittel- 109126. Übersetzung: Emil Gressler, Ec-

alters, QF. 8, Straßburg 1875, Ausgabe und ! basis captivi, Die Flucht eines Gefangenen.

Abhandlung, woselbst S. VVII die übrige i Das älteste Tierepos des Mittelalters, Dresden

Literatur bis zum Jahr 1875; dazu R. Peiper, j u. Leipzig 1910.