Druckschrift 
Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
Seite
369
Einzelbild herunterladen
 

B. Die Literaturdenkmäler. 3. Lateinische Denkmäler. § 74. Tierdichtung. 369

S. 232 f.) die Geschichte vom Rotkäppchen, 1 ) De puella a lupellisservata; es war ein Volksmärchen, denn der Verfasser hörte es von Bauern.Das Kind bekam, das ist der Inhalt, von seinem Taufpaten eine rote Kapuzegeschenkt (tunicatn rubicundo vettere textam v. 475). Einmal, fünf Jahrealt, verlief es sich in den Wald, da kam der Wolf und brachte es seinenJungen zur Beute. Aber die Wölflein waren noch zu schwach, um es zuzerreißen, und fingen an, ihm den Kopf zu streicheln. Da sagte das Kind:Zerreißt mir nur nicht, ihr Mäuse, meine Kappe, die mir mein Pate ge-schenkt hat." Und Gott besänftigte das rauhe Gemüt der Feinde.

Sieht es die Tierfabel auf eine Lehre ab, so gibt das Tierepos einLebensbild. Die erste derartige Tiererzählung, allerdings in kleinerem Um-fang (70 Distichen), ist De quodam verbece a cane discerpto vonSedulius. 2 ) Ein Widder von unerreichter körperlicher Kraft, trefflich an Ge-müt und Schönheit, den der Dichter von seinem Bischof Hartgar von Lüttichgeschenkt erhalten, wird ihm gestohlen. Der Dieb, von Hunden angefallen,läßt ihn los, hat nun aber einen gewaltigen Kampf mit der rasenden Meutezu bestehen, in welchem er, nach tapferm Widerstand sich zur Flucht wen-dend, einem besonders wütenden Cerberus zum Opfer wird.

Der Dichter malt seinen Bock und das beklagenswerte Schicksal desBraven mit glänzenden Farben und in einer mit klassischer Mythologiegeschmückten, hochpoetischen Sprache. Da ein so starkes Pathos auf einengeringfügigen Gegenstand verwendet wird, so ist die Wirkung auf uns eineabsolut komische. Aber wie sind wir überrascht, wenn plötzlich sich derWidder als Abbild des Agnus Dei enthüllt, das Sühnopfer Christi, das schondurch Isaaks Widder vorgebildet war (v. 117. 121)! In der scherzhaften Ein-kleidung birgt sich die bedeutungsvollste Lehre des Christentums, die vonder Erlösung. Der Räuber ist der sündige Mensch, der latro, der nebenChristus am Kreuze hing (125), der aber in letzter Stunde zu ihm fleht;die Hunde, die den Widder verfolgen, der Cerberus, der ihn zerfleischt,ist die sündhafte Menschheit, sind die Juden, die Christum kreuzigen.Am Schluß geht die Deutung über in die triumphierenden Worte desPsalms 117, 16.

Für unser Gefühl wird hier mit dem Religiösen gespielt. Aber waswir als Scherz empfinden, ist die gegebene Form und Stilart der Zeit undferne lag es ihr, den christlichen Gehalt auch wirklich spaßhaft aufzufassen.Ebenso sind in der bildenden Kunst die Tier- und Teufelsgestalten fratzen-haft verzerrt. Darin besteht die eigenartige Auffassung des frühen undromanischen Mittelalters vom Symbolischen oder von der Allegorie: dieGes talten_ aus dem Reich der Welt und des Teufels sind grotesk oder burleskdargestellt. Die Verzerrung ist die Verkörperung des Weltlichen, dem Gottes-reich bleibt im Grunde doch der Ernst gewahrt. Freilich ist die Scheidung

') Kögel, LG. 2, 273. I Carol. III, 204207; Ebert 2, 196 f.; Mani-

2 ) Traube, Mon. Germ. Poet. lat. aevi | Tiusl,322f.

Deutsche Literaturgeschichte. I. 24