B. Die Literaturdenkmäler. 3. Lateinische Denkmäler. § 74. Tierdichtung. 367
Altertum ins Mittelalter fort. Alte Fabeln aus den genannten Sammlungenwerden umgearbeitet, neue erfunden. Die früheste Neuschöpfung des Mittel-alters begegnet in Gregors von Tours fränkischer Geschichte. 1 ) Von dembösen König Theodebald berichtet er zum Jahr 554, er habe eine eigeneFabel erfunden, nämlich wie eine Schlange in eine gefüllte Weinflaschekriecht, von dem Weine so aufschwillt, daß sie nicht wieder durch die Öff-nung herauskann und dann vom Besitzer der Flasche belehrt wird, siesoll erst, um herauszugelangen, das Verschluckte wieder von sich geben.Diese Geschichte aber erzählte der König als warnendes Beispiel einem,den er beargwöhnte, er habe ihn um sein Gut gebracht.
In der nächstfolgenden Chronik des Frankenreichs, in der des sog.Fredegar (Mitte des 7. Jhs.), werden zwei Fabeln erzählt. Als Beispiel fürdie Lehre quod coepisti, perfice erzählt der Bischof von Mainz dem KönigTheoderich von Neustrien (anno 612) eine im Volke bekannte Fabel{rustica fabala dicetur), wie der Wolf auf einen Berg stieg und rings umher-weisend seine Söhne, die zu jagen angefangen hatten, ermahnt, sie solltenvollenden, was sie begonnen hätten. 2 ) Die Geschichte ist offenbar zur Er-läuterung des Sprichworts 'quod feclsti, perfice' hinzuerfunden. Zugrundemag die Vorstellung vom Wolf als dem Friedlosen, Geächteten, liegen.
Die andere bei Fredegar mitgeteilte Fabel, die vom gegessenen Hirsch-herzen, ist nicht neu erfunden, sondern äsopisch. 3 ) Um Theodorich denGroßen vor der ungünstigen Gesinnung des byzantinischen Kaisers Leo zuwarnen, erzählt der kaiserliche Rat Tholomäus, einer seiner Freunde, inKonstantinopel bei der Tafel in Anwesenheit eines Abgesandten Theodorichs,scheinbar um die Gäste zu unterhalten, wie der Löwe den Hirsch zerreißt,der Fuchs jedoch das Herz stiehlt, und als es der Löwe zur Mahlzeit ver-langt, dreist lügt, der Hirsch habe kein Herz gehabt. Sie kehrt, in andernBeziehungen, 4 ) wieder in der Geschichte v on der Gründung des KlostersJTegernsee (verfaßt im 11. Jh.), 5 ) die fälscTHiclTdem Mönch Froumund zu-geschrieben wurde; ferner in der Kaiserchronik, wo sie von dem bairischenHerzog Adelger erzählt wird, 6 ) und in den Gesta Romanorum. 7 ) BeiFredegar ist also diese alte äsopische Fabel in Verbindung gebracht mitder ostgotischen Sage, mit welcher sie von den Baiern übernommenworden war.
') Hist. Franc, über IV Cap. 9, Kelle,LG. 1, 386.
2 ) Fredegars Chronik IV Cap. 38, Mon.Germ. Script. Rer. Merov. II, 139; Müllen-hoff, Z. f. d. A. 18,2; Kelle a. a. O. Zu Frede-gar s. Manitius 1, 223—226.
3 ) Fredegar 11,57, Mon. Germ. Script. Rer.Merov. II, 81; Kelle, LG. 1, 384. Unmittel-bar aus Fredegar ist die Fabel in der Fort-setzung des Aimoin (8. Jh.) entlehnt, I Cap. 9,Mon. Germ. Script. Rer. Merov. II, 213. Zu
Aimoin s. Manitius 1, 226 f.
4 ) Rochholz, Z. f. d. Phil. 1, 181—198.
5 ) De fundatione monasterii Tegerinsee,B. Pez, Thesaurus tom. III pars 3,493 ff.; Kelle,LG. 2, 385 f.
6 ) Edw. Schröder, Kaiserchronik v.6854 ff. (s. Bd. II dieser Lit.Gesch. unter'Kaiserchronik').
7 ) Adelbert v. Keller, Gesta Romano-rum Cap. 46 S. 70 f.; H. Oesterley, GestaRomanorum, S. 410. 411. 725.