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366 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte d^s elften Jahrhunderts.
scheiden, denn die Tierfabel hat sich zum Tiermärcjien und zum Tier-epos entwickelt.
Die Tierfabeln sind die alten äsopischen Fabeln bezw. Nach-ahmungen derselben. Es sind Allegorien, indem die Erzählung nicht fürsich allein das volle Interesse erregt, sondern nur als ein Bild für eine^dahinter liegende Lehre. Der Leser ist sich immer der beiden Gedanken-^reihen bewußt, des Vorgangs und der durch ihn sinnlich dargestellten Idee,und seine Reflexion ist beschäftigt, die beiden Reihen miteinander zu ver-binden.
Das Tiermärchen dagegen will nicht belehren, sondern unterhalten.Es dient in erster Linie zur Beschäftigung der Phantasie, nicht zur ver-standesmäßigen Erfassung einer Lehre. Eine tiefere Bedeutung für allgemeineErfahrungen kann ja auch dann wohl dem Tiermärchen zukommen.
Aus der Tierfabel hat sich das Tierepos entwickelt durch Vereinigungmehrerer, alter oder erst neu ersonnener, Fabeln, oder durch Erweiterungeines einzelnen Fabelmotivs. So unterscheidet es sich zunächst äußerlichvon der Fabel durch jrjische Breite der Erzählung. Der Charakter der han-delnden Personen und das Milieu werden weiter ausgestaltet, Einzelzügezur Belebung der Handlung ausgiebig verwendet. Die Erzählung dientnicht nur dazu, um einen allgemeinen Lehrsatz zu umhüllen, sondern siegibt ein umfangreiches Bild menschlicher Zustände, menschlicher Sitten undKulturverhältnisse. In diesem Sinn ist auch das Tierepos allegorisch, aberwir vergessen die zu illustrierende Idee und der Reiz des Vorgangs ist sostark, daß dieser uns völlig fesselt und rein an und für sich wirkt. DasAllegorische besteht bei dem unmittelbaren Eindruck des Tierepos nur inder Empfindung der Komik, daß Tiere sich gebärden wie Menschen.
Die Tierfabel ist international — wir haben unten Beispiele aus Frank-reich, Deutschland, Italien zu verzeichnen—, das Tierepos aber ist eine spezielllothringische Schöpfung. Die ersten Denkmäler, des Sedulius Widder unddie Ecbasis captivi, sind auf lothringischem Gebiet entstanden. Das Tier-epos ist lothringische Klosterdichtung und ausgesprochen gelehrtes Kunst-werk, bestimmt für den engeren Kreis der Mönchsliteratur. Man kann alsonicht sagen, daß es eine Schöpfung des lothringischen Volksstamms, das istder ripuarischen Franken, das Erzeugnis einer Volksindividualität sei, sondernnur: der lothringischen Klöster. Den lokalen Charakter hat das Tiereposauch in den folgenden Jahrhunderten, als der lateinische Isengrimus undReinardus entstanden, beibehalten. Erst von hier aus ist diese Gattung indie Volkssprachen eingezogen.
Der Begriff Tiersage kann nur angewendet werden, sobald ein Tier-stoff episch geworden oder episch verwendet worden ist.
Die Tiererzählung 1 ) pflanzte sich in ununterbrochener Entwicklung vom
!) Literatur: Piper, Alt. d. Lit. S. 287—299 Kelle, LG. 1, 209—216. 384—387.