B. Die Literaturdenkmäler. 3. Lateinische Denkmäler. § 74. Tierdichtung. 365
und ausgestaltet, neue Ideen wurden in sie hineingelegt und durch Erwei-terung der einfachen Fabeln entstand ein neuer Zweig der Tierdichtung,das Tierepos.
Die große Bedeutung, die die Tierdichtung im Mittelalter hatte, erklärtsich einmal daraus, daß der lateinische Aesop zu den wichtigsten Schul-büchern und zwar für die Anfangsstufe gehörte (vgl. Conradi HirsaugiensisDialogus ed. Schepss S. 33—38), und dann aus der typologischen Denk-weise des Mittelalters, wo ein Ereignis als eine Erscheinungsform einerIdee aufgefaßt wurde, bezw. wo die äußere Tatsache eine moralische Be-deutung hatte.
Im Mittelalter gab es eine große Anzahl von Fabelsammlungen, 1 )die in den Hauptzügen in folgendem Verhältnis untereinander stehen:
1. Den ursprünglichen griechischen Prosa-Aesop übertrug Babrios (im2. od. 3. Jh. n. Chr.) in griechische Verse (Hinkjamben).
2. Babrios wurde dann von Avianus (im 4. od. 5. Jh. n. Chr.) eben-falls ins Lateinische übertragen, auch in Verse (Distichen).
So hatte man also im Mittelalter vom alten Aesop zunächst nur diepoetische Übersetzung des Avianus.
3. Aber auch die lateinische, poetische Aesop-Umdichtung des Phae-drus (zur Zeit des Tiberius) ging ins Mittelalter über und zwar in der Prosa-bearbeitung des sogenannten Romulus (Lebenszeit unbestimmt). Aus diesenQuellen, dem lateinischen Vers-Aesop des Avianus und dem lateinischenProsa-Phaedrus des Romulus, die dann aber auch wieder manchfach um-gearbeitet wurden, schöpften die mittellateinischen Autoren und die derVolkssprachen. Etwa_25 Fabeln enthält auch die als Lehrbuch geschriebeneFecunda ra tis des Egbert von Lüttich in ihrem zweiten Teil. 2 ) Trage n.dieser Überlieferung war die Schule, waren also die Geistlichen, und Tier- .dichtung ist in erster Linie Gelehrtendichtung. Aber auch dem Volke wurdendie Tiertypen frühe vertraut. Das ganze Kunstleben, besonders des früherenMittelalters, war von der Tiersymbolik durchzogen. Sie lieferte der Plastikund der Malerei unentbehrliche, typische Motive und hier trifft die Tierfabelzusammen mit der ursprünglich wissenschaftlichen Zoologie des Physiologus,in welcher in echt mittelalterlichem Geiste das Wesen der Tiere in eineSymbolik der heiligen Personen umgedeutet wurde (s. Bd. II dieser Lit.-Gesch.). Doch ist das Gebiet der Allegorie für beide ein Verschiedenes:die Tierfabel ist in Beziehung gesetzt zu weltlichen Zuständen, der Physio-logus zu religiösen Vorstellungen.
Nun aber ist zwischen den einzelnen Gattungen der Tierdichtung zu
*) Hervieux, Les fabulistes latins, 2 Bde,2. Aufl., Paris 1893—1898; H. Oesterley,Romulus, die Nachahmungen des Phaedrusund die äsopische Fabel im Mittelalter, Berlin1870; Ebnst Voigt, Ecbasis Captivi S.56ff.;
Lessings erst aus dem Nachlaß heraus-gegebene kleinere Schriften zur Fabel, Hem-pel Bd. 11, IIS. 877 ff.
') Voigt, Z.f. d. A.23, 307—318.