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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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364 H- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

Der Soldat, gefragt, was er denn getan hätte, wenn er das Pferd nicht wiedererhalten haben würde, antwortet:zu Fuß war ich gegangen, wie mein Vater".

§ 74. Tierdichtung.

Lessing hat das Wesen der Xierfabel, kritisch bestimmt in den Ab-handlungen über die Fabel (1759) und hat zugleich praktische Beispielefür diese Dichtungsart gegeben.

Ihre Geschichte ist zuerst von Jakob Grimm untersucht worden in derEinleitung zu seinemR einhart Fuchs" j CL8M), Lessing geht von der äso-pischen Fabel als dem Urtypus aus und kommt zu dem Schluß, daß Kürzedie Seele der Fabel sei. Jacob Grimm*) im Gegenteil findet in den jüngeren,ausgesponneneren Gebilden der mittelalterlichen Tierdichtung die Traditioneines uralten, den Indern, Griechen, Römern und Germanen gemeinsamenumfangreichen T Jerepos ^ einer Schöpfung naiver Z eiten, da das Mensch en-.gemüi mit dem Tjerlehen in vertrauterem Verhältnis stand und in den Tierengleichgestimmte Wesen empfand. Deshalb kehrt er Lessings Satz um: Kürz eist ihm vielmehr der Tod_der Fabel und die knappen griechischen Stücke,erst^üTdTe Epimythien (die der Fabel anhängenden Nutzanwendungen) zu-geschnitten, sind schon der Verfall einer ursprünglich reichen Blüte. 2 )

Den wahren Ursprung der Tierfabel hat die vergleichende Literaturwissen-schaft aufgedeckt. Otto Keller hat in seinen Untersuchungen über die Ge-schichte der griechischen Fabel (Jahrbücher f. klassische Philologie 1862,Supplementband IV) Indien_als ihre ursprüngliche Heimat nachgewiesen (dieFabelsammlung Hitöpadeca und die Erzählungen im Pantschatantra). LöwemicL-Euchs, das eine der beiden Tierpaare der Fabel sowohl als des Tier-epos, kommen in der wirklichen Natur nicht in Verbindung miteinandervor, wohl aber stehen Löw e und S chak al in Indien als Herr und Dienerin ähnlichem Verhältnis wie in unsern Tiergeschichten und die indischeTierfabel hat den Schakal eben an der Stelle des Fuchses. Das zweiteHauptpaar, Fjjchs und Wolf, ist ebenfalls schon ein fester Bestand derindischen Fabel.

Von Indien kamen die Grundmotive nach Griechenland, wo sie in dendem Lydier Aesop (um 500 v. Chr.?) zugeschriebenen Fabeln weite Aus-bildung erfuhren. Das Mittelalter ist auch hier zunächst nur der Erbe desklassischen Altertums, aber es hat mit dem überkommenen Gut erfolgreicheWirtschaft getrieben. Die Urformen wurden mit großer Phantasie umgebildet

») IhmfolgtenWACKERNAGEL, ElsässischeNeujahrsblätter für 1847, S. 190216 u. Kl.Sehr. 2, 212233 und bes. Kl. Sehr. 2, 234 bis326; und W. J. A. Jonckbloet, Etudes sur leRoman de Renart (Groningen 1863), dazu dieRezension von J. Grimm, Gott. gel. Anz. 1863,137 und Kl. Sehr. 5,455466, ferner J. Grimm,Sendschreiben an K. Lachrnann, Leipzig 1840;L. KolmaCevsky, Das Tierepos im Occidentund bei den Slaven, 1882; vgl. auch Georg

Thiele, Die antike Tierfabel, Die Geistes-wissenschaften 1913/14 Heft 16 Sp. 433-436(Obersicht u. Literaturangaben); Steinmeyer,Ergebnisse S. 233 f.; K. Reissenberger, Rein-hart Fuchs, 2. Aufl., Halle 1908, Einleitung(mit Literaturangaben).

*) Dazu Müllenhoff, Z. f. d. A. 18,19; W. Scherer, Jacob Grimm S. 289ff.;Scherer, Z. f. d. Österreich. Gymnasien 21(1870), 41 ff. u. Kl. Sehr. 1, 181190.