B. 3. Lateinische Denkmäler. § 73. Kleinere lateinische Dichtungen. 363
habung der geistlichen Gebräuche, wie denn diese Satire mit ihrer schonungs-losen Komik auch in den altfranzösischen Roman du Renart aufgenommenwurde.
Die Strophenform ist einfach. Es sind zwanzig Vierzeiler in katalek-tischen jambischen Achtsilbern, die paarweis gereimt sind (Hymnenstrophe).
2. In Frankreich oder Lothringen entstanden, aber in vielen Fassungenauch später in Deutschland verbreitet sind die Schwanke des Unibos,Cantus de uno bove. 1 )
Der Bauer Unibos, Einochs, bekam diesen Namen von seinen Nach-barn daher, daß ihm immer alle Rinder starben und nur ein Ochs blieb.Aber auch diesen raffte ihm das Schicksal hin. Auf diese Einleitung (Str. 1bis 9) folgt eine Reihe von boshaften Streichen, die Unibos den Vorständen desDorfes, dem Priester (templi sacerdos), dem Meier (villae major, franz. maire),dem Schulzen {vraepositus) spielt. Erster Schwank: die verkaufte Ochsen-haut (Str. 10—66); zweiter Schwank: die wiederbelebte Ehefrau (Str. 67bis 113); dritter Schwank: das Silbermünzen von sich gebende Pferd(Str. 114—158); vierter Schwank: der Sauhirt in der Tonne (Str. 159—196);fünfter Schwank: die Sauherde im Meer, Untergang der drei geprelltenDorfhäupter (Schluß, Str. 197—216). In den ersten Strophen, Str. 1—3,empfiehlt der Verfasser sein Gedicht mit der Begründung, daß die Ohrensich an Neuigkeiten erfreuen (novitatibus, Novellen); so erzählt man sichan den Tafeln hoher Herren die Märe von Einem Ochsen, die hier inscherzhaften Worten dargeboten wird. Aber nicht nur Text und Vortrag sollenergötzen, sondern die Geschichte wird auch agiert, die Personen werdendramatisch vorgeführt, der Mime, nun wirklich der Mimus, d. i. Schauspieler,begleitet die Handlung mit Gesten und Gebärden (in personarum dramate,vgl. Heyne S. XX) und erhöht damit die Komik.
Das Gedicht ist umfangreich, es enthält 216 paarweis gereimte Hymnen-strophen.
In dem bunten Inhalt der moralischen Anthologie Egberts, der Fecunda ratis sind auch einige Schulscherze und Klosterschwänke eingestreut(Voigts Ausgabe S. LI, s. auch unten unter Tierfabel).
Schon die vornehm klassizistische Richtung am Hofe Karls des Großenhatte elegant erzählte Scherze nicht verschmäht. VonTheodulf, dem Erz-bischof von Orleans (| 821), 2 ) dem Kunstsinnigsten in dem Gelehrten-kreise Karls, besitzen wir ein kleines Gedicht De equo perdito. 3 ) EinemSoldaten wurde ein Pferd gestohlen. Er läßt ausrufen: wenn er das Pferdnicht wieder erhalte, so werde er tun, was sein Vater getan. Der Dieb, derhinter den geheimnisvollen Worten große Gefahr wittert, läßt das Pferd frei.
J ) Hgb. von J. Grimm aus einer BrüsselerHs. des 11. Jhs. in den Lat. Ged. S. 354—383;Kögel, LG. 2, 267—273, Grundr. 2 S. 135 f.Uebersetzung: HEYNE, SpielmannsgedichteS. 1—44.
2 ) Ebert2,70— 84; ManitiusI, RegisterS.761.
3 ) Mon. Germ. Poetae lat. aevi Carol. I,551; J. Ulrich, Proben der lateinischen No-vellistik des Mittelalters S. 5.