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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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362 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

des Humors im 10./11. Jahrhundert. Selbst eine tief sittliche Lehre wirdgekleidet in einen Scherz (quoddam legi ridiculum v. 1) und die ethischeAuffassung des Inhalts ist gegen die strenge Mönchsasketik gewendet, diebald darauf in der Cluniacenserreform alles Menschliche (Humana) ver-bannte.

Stil und Vers entsprechen in ihrer Einfachheit der naiven Ironie desInhalts.

Aus der guten alten Zeit des Klosters St. Gallen, die Ekkehard IV. sobehaglich schildert, sind zwei humoristische Gedichte erhalten, die unslebhaft in den Unterhaltungston dieser materiellen Ergötzlichkeiten so ge-neigten Mönche versetzen: 1. der Wunschbock von Notker I. 1 ) und 2. derPilz von Ekkehard IV. 2 ) Der Witz besteht auch hier im Übertreiben, imAufschneiden.

1. Die Reichenauer Klosterbrüder kamen einst zu den St. Gallern zuBesuch, beim Wein prahlten die Gäste mit einem Riesenaal, den sie in ihremGebiet gefangen. Notker, der Sänger, ein Heiliger und ein loser Schalk,übertrumpft sie, indem er ihnen ein noch größeres Wunder vorhält, nämlicheinen Pilz, der in der Umgegend St. Gallens im Winter gewachsen.

2. Drei Brüder hatten von ihrem Vater nichts geerbt als einen Bock.Da sie ihn nicht teilen können, so werden sie einig, daß der ihn habensolle, der sich den größten Bock wünschen könne. Jeder schildert nuneinen Idealbock in ungeheuerlichen Bildern, so wie ihn seine wilde Phan-tasie sich ausmalt. Die Entscheidung aber, wer von den dreien ihn habensoll, wird schließlich dem Hörer überlassen.

Klosterschwänke sind auch die beiden folgenden Stücke: 1. Die Ge-schichte vom Priester und Wolf, Sacerdos et lupus, die ebenfalls inder Cambridger Handschrift enthalten ist. 3 )

Ein alter Priester gräbt eine Grube, um den schädigenden Wolf zufangen. Der Wolf fällt hinein, aber er zieht den Alten an dem Stock, mitdem er ihn schlagen will, nach. In seiner Seelenpein betet er Psalter undPaternoster, bei der StelleSed libera nos a malo" springt ihm der Wolfauf den Rücken und von da ins Freie. Der Priester wird von den Nachbarnherausgezogen.

Das Gedicht ist ein Schwank und will selbst als solcher aufgefaßt sein(ludus, jocularis cantio, ridiculum v. 1.2.3). Das Kernmotiv liegt in eineräsopischen Fabel, in der vom Fuchs im Brunnen und dem Bock. Es isttendenziös gedeutet zu einer Ironisierung des Mönchtums und seiner Hand-

J ) Mon. Germ. Poetae lat. aevi Carol. I LG. 2, 264267, Grundr.« S. 135 f. Ueber-

11,474. I setzung: Heyne, Spielmannsgedichte des

») Ebda IV, 336. Beide übersetzt von < 10. Jahrhunderts S. 4549; war auch in die

V. Winterfeld, Stilfragen S. 1519; dazu erste Auflage von MSD. als Nr. XXV auf-

Neue Jahrbücher für d. klass. Altertum usw. genommen, wurde aber in den späteren Auf-

1900 S. 341347. lagen, weil wahrscheinlich französischen Ur-

3 ) Jaffe S. 452; hgb. von J.Grimm, Lat. Sprungs, weggelassen.Ged. S. 340 ff.; s. Kelle 1,205.331; Kögel,