B. 3. Lateinische Denkmäler. § 73. Kleinere lateinische Dichtungen. 361
dem Kloster bestimmt. Ein Sklave wird von Liebe zu ihr ergriffen. MitHilfe eines Zauberers gelingt es ihm, den Teufel zu beschwören, indem ereinen von jenem geschriebenen Zettel in dunkler Nacht auf einem heid-nischen Grabe rezitiert. Er muß den Christenglauben abschwören und derTeufel bringt nun die Jungfrau in heftige Liebesanfechtungen zu dem jungenManne, so daß schließlich der Vater die Vermählung zugibt. Der junge Ehe-mann enthüllt dann sein Verbrechen, unter dem Beistand des heiligen Basiliustut er Buße und wird im Glauben wieder hergestellt. Kein Sünder, selbstder sich dem Teufel verschreibt, soll, das ist die Lehre, verzweifeln, viel-mehr Buße tun, und er wird erlöst werden. Die Geschichte stammt aus demgriechischen Christentum. 1 ) Zugrunde liegt das antike Motiv vom Liebes-zauber (cpvlaxxriQiov). ■ — Der Rhythmus und die Sprache sind sehr kunst-voll, die erste Strophe besteht aus 30 mit c anlautenden Wörtern.
2. Ebenfalls eine Bekehrungsgeschichte ist die vom EinsiedlerJohannes, De Johanne abbate (Jaffe S. 469), s ) aber die sittliche Auf-fassung und die künstlerische Ausführung sind grundverschieden von derdes vorigen Gedichts.
Zwei Mönche leben gemeinsam als Einsiedler. Aber der jüngere, Jo-hannes, will noch heiliger werden, will wie ein Engel werden ohne mensch-liche Bedürfnisse, ohne Speise und Kleidung. Trotz der Abmahnung desälteren geht er nackt in die tiefste Einöde. Doch am achten Tage desAbends steht er wieder vor der Tür seiner alten Klause. Der Hunger hatihn zur Rückkehr gezwungen. Der Gefährte läßt ihn in der bitterkaltenNacht außen warten und er ist froh, am andern Morgen eingelassen zuwerden. Nachdem er sich wieder gestärkt, greift er zur Hacke und machtsich an die Arbeit. Von seinem leichtfertigen Übermut geheilt, hat er ge-lernt, ein guter Mann zu sein, 3 ) da er ein Engel nicht werden konnte.
Die beiden Gedichte stellen zwei Seiten des unechten Christentumsdar und zwei Mittel, von diesem bekehrt zu werden. Dort ist ein Mensch,der seinen Glauben wegwirft, um ein irdisches Gut zu gewinnen; hiereiner, der mit dem Glauben die höchste Stufe im Gottesreich erwerbenwill; dort die Glaubensschwäche, hier die Glaubensstärke. Beide haben nurunechten Glauben, beide werden zum rechten Glauben bekehrt. Aberwiederum sind die Wege der Seelenrettung, die durch die Buße hindurch-führen, getrennt. Der Teufelsbündler wird durch magische Wunderkraft einesHeiligen gerettet, der überbewußte Mönch durch eigene Erkenntnis undinnere Beschämung.
Die Geschichte vom Mönch Johannes ist ein Zeugnis für die Macht
J ) Quelle: Wilh. Meyer, Radewins Ge-dicht über Theophilus, Münchner SB. 1873S. 49 ff. und Gesammelte Abhandlungen 1,60 ff.
2 ) Auch Migne 141,350; übersetzt vonv. Winterfeld, Stilfragen S. 20—25.
8 ) Vir bonus = ahd. mhd. guot man,einer, der durch gute Werke, Buße oder frommertragene Leiden gerechtfertigt oder wieder-hergestellt ist, Einsiedler, Pilger, Bettler umGotteslohn, Siecher im Spital u. dgl.