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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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360
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360 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

torum quaternio (1720) S. 58; M. Haupt, Altdeutsche Blätter 1,390 f.; J.Grimm, Lat. GecLS. 335337; Jaffe S. 455f. Übersetzung: M.Heyne, Spielmannsgedichte S. 5053.Ebert, Lat. Lit. 3,345.

Eine Lügengeschichte enthält die Erzählung vom Erzbischof Herigervon Mainz (913927). Ein Aufschneider 1 ) erzählt ihm, er sei in derHölle gewesen, dann im Himmel. Da habe er Christus fröhliche Mahlzeithalten sehen, Johannes der Täufer kredenzte als Weinschenk den versam-melten Heiligen Pokale köstlichen Weins, und Petrus sei Küchenmeistergewesen. Er selbst sei in einem Winkel gesessen und habe ein Lungenteil 2 )verzehrt, das er den Köchen gestohlen. Der Bischof, der auf die Flunkereienscherzhaft (ridens 3, 2) eingegangen ist, schließt nun aber die Unterhaltungmit harten Worten ab, läßt den Prahler an einen Pfahl binden und mitRuten streichen, indem er ihn belehrt: wenn Christus dich zum Mahle lädt,dann hüte dich zu stehlen.

Der Kern des Stückes ist der Schwank von dem, der das Leberleingefressen, 3 ) der seinen Ursprung in der äsopischen Fabel vom gegessenenHirschherzen hat.

Die Geschichte ist ein Beispiel dafür, wie die heiligen Personen vonden Fahrenden ins Menschliche, ja Lächerliche heruntergezogen wurden,also ein spei in dem von der Kirche verpönten Sinn. Wohl war in derromanischen Zeit des Mittelalters das Klosterleben nicht völlig asketisch,weitabgewandt, und die göttlichen Dinge konnten menschlich naiv aufgefaßtwerden. Aber vielleicht ist das Gedicht doch nicht lediglich schwankhaftgemeint, die Unterhaltung und das Lachen nicht der eigentliche Zweck. Einhoher Geistlicher tritt für die Würde der Religion ein gegen einen Possen-reißer, der die biblische Geschichte zum Gegenstand seiner Schwindeleienmacht, und als Moral folgt am Schluß die Strafe. Dann wäre es ein Bei-spielsfall für das Einschreiten der Kirche gegen die Lügenmären, spei.

In der Cambridger Handschrift stehen noch zwei Erzählungen, diejedoch, weil sie keine Beziehungen zur deutschen Literatur haben, nichtin die Denkmäler von Müllenhoff und Scherer aufgenommen sind:

1. De Proterii filla, die Legende von der Tochter des Proterius (JaffeS. 467469).*)

Ein reicher Bürger von Caesarea, Proterius, hat seine einzige Tochter

*) Propheta (1, 4) hat hier den Sinn vonpitho, ariolus, wie in den bei Graff 1,1124angeführten Glossen; vgl. du Cange-FavreVI, 305 c; phitones, nigromantici, divinatores,sortilegi, magici, incantatores, arioli und I,384 c f.: arioli, amspices, sortilegi, divini,phanatici, malefici; lat. hariolus Wahrsager,von herumziehenden Schwärmern. Also einFahrender, der mit Schwänken und Lügen-mflren umherzieht, Lügenprophet.

3 ) pulmo (10,2) bedeutet hier wohl sovielwie gelänge, der edlere Teil der Eingeweide(Schmeller-Fr. 1,1493, Schweiz. Id. 3,1342,

Z. f.d. Phil. 27,55.58 f.), Speise für arme Leute[vgl. J. Grimms Ergänzungsvorschlag des feh-lendenWortes am Schluß des Gedichtes: tetrumLat. Ged. S. 337 Str. 11; und von Roediger:spurcum , Z. f. d. A. 33,417] gegenüber derHerrenspeise Rücken, Bug, Rippe usw. (M.Heyne, Das deutsche Nahrungswesen S. 297).

') W. Grimm, Anmerkung zu den Kinder-und Hausmärchen Nr. 81; Uhland, Schriften8, 617; MSD. II s , 128 f.; Kögel, LG. 2, 264.

*) Auch bei P. v. Winterfeld, Hrotsvithaeopera, Berol. 1892, S. XVI; Kögel, LG. 2,260 f.