358 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
werden und in dessen späterer Regierungszeit das Gedicht abgefaßt ist. DieGedanken steigern sich gegen den Schluß 1 ), und das ist die Grundanlagedes Sequenzenbaus; den Gipfel bildet der siegreiche Friedenskaiser, derVater der Armen, wie in den religiösen Leichen der himmelthronende Christus,wie in den schwankhaften die Pointe mit dem Witz. Dem solennen Inhaltentspricht auch die starke Rhetorik der Sprache, 2 ) besonders mit der Häu-fung paralleler Ausdrüke, durch die auf kurzem Raum eine Fülle innererBewegung zusammengedrängt ist.
Die sieben Strophen (Str. 1 = 10 Verse, Str. 2 = 8 Verse, Str. 3 = 14 Verse,Str. 4 = 10 Verse, Str. 5 = 10 Verse, Str. 6 = 10 Verse, Str. 7 = 6 Verse) sindzweiteilig, Reim fehlt. Die Verse der ersten Halbstrophe sind mit Neumen-zeichen versehen.
5. De Lantfrido et Cobbone.MSD.Nr.23 u. II 3 , 121—127; Piper, Alt. d.Lit. S.301, Nachtr. S.209f.; Kelle, LG. 1,203.381; Kögel, LG. 2, 255—260, Grundr. 2 S. 134; JAFFE S. 470f. — Ebert, Lat. Lit. 3,344 f.
Hs.: B Bl. 433 abc . Eine verwandte, einfachere und klarere und wohlursprünglichere Version findet sich im Cod. Ms. lat. 242 der Pariser National-bibliothek, eingetragen von einer Hand des 10./11. Jhs. 3 )
Zwei Freunde, Lantfrid und Cobbo, dienen an einem Königshofe. Allesteilen sie untereinander, in allem stimmen sie überein. Cobbo bittet beimAbschied den Lantfrid, ihm seine Frau zu überlassen. Er tut es ohne Wider-streben. Lang ihm nachsehend, singt er ein Lied zur Harfe: „Bruder Cobbo,halte die Treue, wie du bisher getan. Verletze nicht das Gelübde, daß nichtder Bruder zur Schande werde dem Bruder." Darauf zerschellt er seineHarfe an einem Felsen. Cobbo aber, nicht ertragend, den Bruder schmerz-lich gekränkt zu haben, wendet sich zurück und übergibt ihm die Frauunberührt. Bestanden ist die Probe.
Es ist die Freundschaftssage (caromm sotiorumque actus 4; 1), einim Mittelalter weit verbreiteter Märchenstoff, der aus dem Orient stammt. 4 )
Die Pariser Fassung ist ein Gedicht von 15 gleichgebauten Strophen,die aus je 3 Fünfzehnsilbern bestehen (=8 + 7 Silben). Im Eingang (Str. 3)beruft sich der Verfasser darauf, daß die Geschichte von Spielleuten erzähltwerde {sicut fabulae testantur et scurrarum complices 3, 2).
Der Versbau der Fassung der Cambridger Hs. ist sehr frei, fast wierhythmische Prosa, die Verse haben meist drei oder vier Hebungen. Diespärlich vorkommenden Reime sind wohl unbeabsichtigt. Den Sinnes-abschnitten nach ergeben sich 6 Strophen (MSD. Str. 5—10). Der Erzählunggeht ein Prooemium in Prosa voraus (MSD. Str. 1—4), das von Musik
l ) Aufbau des Liedes: Seemüller, Ab-handlungen zur german. Philologie, Festgabef. Heinzel S. 350—352.
») Heinzel, Kl. Sehr. S. 11—13.
3 ) G. Paris, Le moyen äge, 1888, Aug.-
Sept-Heft S. 179—184 und 1889, Dez.-HeftS. 285—289; H. Patzig, Roman. Forsch. 6,424bis 426; Steinmeyer, MSD. II 3 . 124—126.
4 ) Andere Fassungen s. MSD.II 3 ,121 f.;Kögel, LG. 2,258—260.