B. 3. Lateinische Denkmäler. § 73. Kleinere lateinische Dichtungen. 357
Mit dem Modus florum steht der Modus Liebinc insofern in engeremZusammenhang, als beide zu der weitverbreiteten Gattung der Schwank-dichtung gehören. Aber noch mehr. In beiden ist der Schalk ein Schwabe(Suevus, Mod. flor. 13. 33, Suevum Constanüae civls, Suevulus Mod.Lieb. 3. 4. 47). Es begegnen uns hier die ersten Schwabenstreiche, derenHelden jenen typischen Zug von Naivität und Schlauheit haben, der wirk-lich dem Charakter dieses Stammes eigen ist und den Grund für viele„Volksneckereien" abgab. 1 ) Solche konnten innerhalb des betreffenden Volks-stammes selbst entstehen oder von einem freundnachbarlichen ihm an-gehängt worden sein. Möglich ist also, daß beide Schwanke bei denSchwaben selbst entstanden sind.
Die Darstellung fließt in leichtem Erzählerton hin, stellenweise rhetorischgehoben wie bei der Schilderung des Meersturms (Mod. Lieb. 7—11.43—46).Die beiden Modi sind wertvoll als Beispiele des Stils der lateinischenSchwankliteratur, dessen Gewandtheit und Ausdrucksfähigheit den unmittel-baren Zusammenhang mit der klassischen Beredsamkeit verrät. 3 ) Eingang(Mod. flor. 1—4, Mod. Lieb. 1—6) und Schluß (Mod. flor. 33 f., Mod. Lieb.47—49) sind besonders markiert: dort die Ankündigung, daß ein Scherzzu erwarten ist; hier als Pointe das Ergebnis der vorhergehenden Erzäh-lung, in beiden Gedichten sprachlich eingeleitet durch zurückweisendes sie;am Anfang die Vorbereitung zum Lachen, am Schluß der Rückblick aufden Betrug (rege deluso Mod. flor. 33, deluserat Mod. Lieb. 47).
Im Strophenbau (fünf Absätze von 6, 10, 14, 16, 4 Versen) unterscheidetsich der Modus Liebinc vom Modus florum dadurch, daß die Absätze inzwei gleichgebaute Hälften zerfallen. Jedoch ist er, wie jener, reimlos,
4. Modus Ottinc.
MSD. Nr. 22 u. II 3 , 117—121; Piper, Alt. d. Lit. S. 300, Nachtr. S.214f. (Hs.B). 236f.(Hs. A); Kelle, LG. 1, 203 f. 381. Abdruck bei J. G. Eccard, Veterum monumentorumquaternio (1720) S. 54; F. A. Ebert, Oberlieferungen S. 81 f.; s. Jaffe S. 451 (Hs.B); nachA und B: Lachmann, Kl. Sehr. S. 337—339. — Uhland, Schriften 1,475—478; Ebert, Lat.Lit. 3,343 f.; v. Winterfeld, Stilfragen a. a. O.
Hss.: A Bl. 62 a . 63 a , B Bl. 434 d -435 b .
Aus der ersten Strophe erklärt sich die Benennung 'Ottinc': Otto denGroßen, da in dem Palast, in dem er schlief, Feuer ausbrach, weckten seineDiener durch ein Lied mit Harfenspiel. Dieses wurde ihm zu Ehren mit seinemNamen benannt und auf seine Melodie ist die vorliegende Sequenz ver-faßt. Der Inhalt ist historisch und gilt der Verherrlichung der Ottonen.Ottos des Großen Ruhm wird dargestellt in einer seiner größten Taten, demSieg auf dem Lechfelde (Str. 2—5), sein Sohn und sein Enkel empfangennur allgemeine Preisworte. Doch ist alles abgesehen auf eine GlorifizierungOttos III., des jugendlichen Kaisers, auf den alle Herrschertugenden vereinigt
!) Uhland, Schriften 8,611—619; A. Kel- I Volkshumors,Freiburgi.B. 1907;MSD. II 3 , 115.ler, Die Schwaben in der Geschichte des | *) Heinzel, Kl. Sehr. S. 11—13.