B. 3. Lateinische Denkmäler. § 73. Kleinere lateinische Dichtungen. 353
vorhanden sind, und zwar besitzen wir von Petrus, der nach Metz berufenwurde, zwei Melodien, Metensis major und Metensis minor (nach der StadtMetz); von Romanus, der wegen Erkrankung auf der Reise von Rom insFrankenreich in St. Gallen zurückgeblieben war, ebenfalls zwei, die Romana(nach seinem Namen Romanus) und die Amoena. Aber diese bloßen Kolora-turen waren schwer im Gedächtnis zu behalten, und um dies zu erleichtern,legte man ihnen zusammenhängende sprachliche Texte unter. Das geschahin Frankreich. Damit war die Sequenz als Dichtgattung begründet, für diedann auch die Bezeichnung prosa gebraucht wurde, weil die Form un-gleichmäßig war und im Vergleich mit dem Hymnus mehr der Prosa nahestand, oder auch der allgemeine Begriff cantilena, cantica, laudes.
Aus dem anno 841 von den Normannen zerstörten Kloster Gimedia,dem heutigen Jumieges an der Seine unterhalb Rouen, brachte ein nachSt. Gallen übergesiedelter Mönch ein Antiphonar mit, das solche Texte undMelodien enthielt. Und in St. Gallen erstand der eigentliche Schöpfer derSequenzliteratur, Notker Balbulus, der Stammler (f 912), der etwa vierzigMelodien mitsamt Text verfaßt hat. Von St. Gallen aus ging damit einneuer Aufschwung der lateinischen religiösen Lyrik und daraus entwickeltesich eine Fülle neuer poetischer und musikalischer Formen. Denn das kunst-volle System der Sequenz war reicher Ausgestaltung fähig. Es beruhte aufFreiheit des Aufbaus und hatte bei sehr unterschiedlichem Umfang derStrophen nur das eine, allerdings auch manchmal durchbrochene Gesetz,daß diese in zwei gleiche Hälften zerfielen (Parallelismus). Immer ist imAuge zu behalten, daß nur mit Musikbegleitung die Wirkung der Sequenzerzielt wurde, ja daß diese die Hauptsache, der Text das Untergeordnetewar. — Die rasch beliebt gewordene Sequenzform wurde im zehntenJahrhundert auch auf weltliche Stoffe ausgedehnt. 1 ) — Die vier hier folgen-den weltlichen Sequenzen fallen ihrer Abfassungszeit nach in die Jahre1000—1030.
Überliefert sind sie in zwei Handschriften, das sind: A, die Wolfen-büttler Hs.2) Cod. Aug. 56. 16, 63 Bl. 8°, 11. Jh., auf Bl. 59 b —63 a . B, dieCambridger Liederhandschrift, Gg 5. 35. 3 )
Bestand der Cambridger Handschrift. Die 47 Nummern bei Jaffelassen sich in 6 Gruppen teilen:
a) Religiöse Lyrik: Nr. 2. 3. 11 (Lobgesänge auf Christus), 34 (auf
*) Wann die ersten weltlichen Se-quenzen entstanden, ist unbekannt. Die Fragenach der Entstehung der Sequenzen wird aberbesonders dadurch verwickelt, daß die Formdes deutschen Leichs, des germanischen Tanz-liedes, mit in Betracht kommt, der ebenfallsfreien Bau hatte. Es ist nicht ausgeschlossen,daß der deutsche Leich auf die Ausbildungder Sequenzen in Deutschland Einfluß ge-habt hat.
Deutsche Literaturgeschichte. I.
s ) F. A. Ebert, Ueberlieferungen zur Ge-schichte, Literatur und Kunst der Vor- und Mit-welt 1, 1 (1826), 77—79.
') Beschrieben ist die Cambridger Hs.von Philipp Jaffe, Z. f. d.A. 14,449—495,mit Angabe aller Liederanfänge und Abdruckvon einzelnen Stücken; s. auch Karl Breul,Z. f. d. A. 30,187—189. Die Cambridger undWolfenbüttler Lieder sind insgesamt ab-gedruckt von Piper, Nachtr. S. 206—237.
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