Druckschrift 
Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
Seite
336
Einzelbild herunterladen
 

336 H- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

Bl. 6 von den zwölf Staffeln der Demut, nach der Benediktinerregel Kap. 7,die auf Bl. 7 vom Hauptmann von Kapernaum handelt. Die Quellen sindbei dem verdorbenen Zustand der Blätter nicht festzustellen.

C war eine nach dem Kirchenjahr geordnete Predigtsammlung, denndie zugrunde liegenden Bibeltexte der Stücke 13 sind die Perikopen fürdrei aufeinanderfolgende Sonntage.

Alle drei Handschriften rühren von verschiedenen Schreibern her, aberA und C haben dasselbe Format und dieselben Linienziehungen (MSD. II 3 ,427), so daß sie wahrscheinlich Teile eines und desselben Kodex waren.B war von Anfang an in die Notkerschen Psalmen eingetragen.

Der Ursprungsort der drei Sammlungen war höchst wahrscheinlichWessobrunn, denn die Bruchstücke finden sich großenteils in Büchern diesesKlosters oder sind von solchen losgelöst worden. Dazu stimmt auch derDialekt. Im Kloster Wessobrunn also, und wohl in der ersten Hälfte des11. Jahrhunderts, wurden die Predigtsammlungen abgefaßt. Es sindPfarr-predigten", 1 ) die für das Volk bestimmt waren. Der Stil der deutschen Über-setzung ist jeweils der lateinischen Quelle angepaßt. A 1 hat die impulsive,unmittelbar auf die Hörer wirkende Lebendigkeit der Augustinischen Vorlageund ist, ebenfalls im Anschluß an diese, kräftig stilisiert, so'besonders durchpersönliche Anreden, rhetorische Fragen, Anaphern, Satzparallelismus. DieSprache der Augustinischen Vorlagen von A 2 und A 3 ist die des römischenRhetors, des Advokaten, der durch logische Gedankenentwicklungen dieHörer zu überzeugen und am Schluß zur richtigen Einsicht zu bringensucht. Die Predigten Gregors endlich, B 1. 2. 4 und C 1, sind Belehrungen,traktatartige Behandlungen des in der Perikope enthaltenen Themas, mitklarer Disposition und symbolischen Auslegungen, die oft durch das Kenn-wort ' pizeichlnet' eingeleitet sind.

Als Grundforderung der Predigt gilt im Mittelalter leichte Verständlich-keit. 2 ) Dem entsprechen auch diese Predigtübersetzungen. Sie schließen sichbald genauer an den Text an, bald geben sie nur den Sinn wieder. DerInhalt ist gegenüber der Vorlage meist gekürzt, nicht einmal die Hauptzügewerden immer alle aufgenommen. Andrerseits werden erklärende Zusätzegemacht, um das Verständnis zu erleichtern, oder auch Erweiterungen, diefür das betreffende Publikum berechnet sind. So ist der Schluß von A 3 ver-anlaßt durch die Erwähnung der Hauptsünden bei Augustin (MSD. II 3 , 421)und zwar im Anschluß an die populäre Kirchenlehre und die Beichtformulare. 3 )§ 63. Geistliche Sprüche.

Geistliche Ratschläge.MSD. Nr.85 u. II 8 , 417f.; Piper, Alt. d. Lit. S.460; Kelle, LG. 2, 51 f. 277f. Gefundenund zuerst herausgegeben von J. A. Schmeller, Z. f. d. A. 8,111 ff.;F. Keinz, MünchenerSitzungs-

') Edw. Schröder a. a. O. S. 178. 3 ) Edw. Schröder a. a. O. S. 178.

2 ) Vgl. Ehrismann, Z. f. d. Phil. 36,516 f. |