B. Die Literaturdenkmäler. 2. Prosadenkmäler. §60. Beichtformeln. 317
einen größeren Umfang hat: den Zeilen 6—64 des Wessobrunner Glaubens-bekenntnisses entsprechen den Zeilen 6—92 im Bamberger Glauben. Schon inder Wessobrunner Fassung ist der zweite Artikel zu einer Geschichte vom Leben,Leiden und der Auferstehung Christi erweitert in erzählendem Stil, also nichtdogmatisch, sondern historisch-episch (Wessobr. 13—38, Bamberg. 36—64)und an den Artikel vom heiligen Geist schließt sich noch eine Versicherungdes Glaubens an die Wirksamkeit der Beichte und Reue und an den rechtenGlauben an (Z. 45—64). Im Bamberger Glauben folgt auf den Artikel vomVater eine Variation des athanasianischen Symbols Z. 6—22, der zweiteArtikel ist erweitert durch Sätze von der Natur des Sohnes, Z. 22—35.Diese beiden Zusätze fehlen im Wessobrunner Glauben. Bamberger Gl. u. B.ist vollständig, während Wessobrunner Gl. u. B. mit der Mitte der Z. 184 derBamberger Formel abbricht. Beide Stücke haben eine gemeinsame Vorlage,B hat den besseren Text.
Die beiden verwandten Stücke stehen schon durch ihren Umfang weitvon allen andern ab. Der Stoff ist gedehnt, die starre, dogmatische Formelist lebendig geworden in volkstümlich gemütvoller Darstellungsart beimGlaubensbekenntnis und in dem predigtmäßigen Eingang der Beichte. Bisdahin ist das Formelhafte aufgelöst in fließende Erzählung. Umgekehrt istdann die Sündenaufzählung ein bloßes Wortregister; ein persönlicher Ton ließsich hier nicht leicht anschlagen. In innerer Ergriffenheit gesprochen ist danndie nur in B erhaltene Selbstanklage und die Bitte am Schluß, Z. 231-—245. ! )
Im Sündensystem unterscheiden sich die beiden Beichten von denandern wesentlich. Es ist das Schema von neun Hauptsünden. Die imspäteren Mittelalter allgemein gültige Anzahl ist sieben, besonders aber inder früheren Zeit herrscht Schwanken, indem statt sieben auch acht oderneun Todsünden angenommen werden. 2 ) Die sieben (oder acht, neun) Haupt-sünden werden nun nach bestimmten Formen wieder spezialisiert, so daß esgroße Sündengruppen gibt, an deren Spitze eben eine der Hauptsünden alsFührerin (oder Mutter) steht. So ist es in der Bamberger Beichte ein un-geheures, in Scharen geteiltes Heer, dessen Leiter sind: 1. die erste Haupt-sünde, der Übermut, in allem ubermuote, superbia, mit seinem Gefolge,Z. 117—132; 2. eitle Ruhmsucht, in üppigerguotlichi, vanagloria, Z.133—141;3. Neid, in nide, invidia, Z.142—148; 4. Traurigkeit, in . . . unfroude bezw.in trürigheite (Z. 151), tristitia, ZA 49—152; 5. Trägheit, in trägheite, acedia,Z. 153—159; 6. Zorn, in zorne, im, Z. 160—168; 7. Habsucht, in scazgiridabezw. ingirigheite (Z. 173), avaritia,Z. 169—185; 8. Fraß, ingitigi uberezzinesusw., ventris inglwvies, Z. 186—198; 9. Üppigkeit, in .... huore, luxuria,Z. 199—209.
Daß diese Sündentafel in ihrem vollen Umfang jemals zu praktischemGebrauche im Abfragen oder Bekennen der Sünden bestimmt gewesen wäre,
') Zum Stil: Steinmeyer, MSD. II 3 , 162—164.
2 ) Siehe die S. 298 angeführten Abhandlungen von Zöckler und Schulze.