294 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Die Änderungen von B gegenüber A betreffen drei Punkte:
1. Das Hauptbestreben ist auf Kürzung gerichtet.
a) Kürzung von Sätzen: die beiden letzten Bitten, Z. 31—36, sind ineine zusammengezogen; der mit karisit beginnende erläuternde Satz Z. 4f.fällt weg; Kürzung von Z. 19 f. (mit Änderung des folgenden Satzanfangs)und des letzten Satzes dieser vierten Bitte: enti dtn anst. . . Z. 22 f.; Aus-lassung des attributiven Nebensatzes in der ersten Bitte Z. 6 f. der eo Ullasusw.; der adverbialen Bestimmung er allemu huglu enti herein 28;
b) von zwei parallelen Gedanken (Satzgliedern) wird der eine getilgt:dahin gehört die Weglassung von enti eo ist 11 und die Änderung in derhalben zweiten Bitte Z. 11—13; in der vierten Bitte Z. 22 enti za euuikemolipe und in der sechsten Bitte Z. 33 enti mit dinem ganädön fallen diezweiten Bestandteile zweigliedriger Formeln weg.
c) Substantiv wird ersetzt durch Pronomen: der sin namo A, er B 7.
2. Undeutsche Konstruktionen in A, die in getreuer Nachbildung derlateinischen Satzbildungen ihren Grund haben, werden der deutschen Wort-stellung angenähert, so Z. 8 f., 26 f., die in A verstümmelte Stelle 29 f.
3. Formeln: dikkem A — pittem B 6; des dikkames A — uuir sculundes pitten den alamahtigun imnhtin B 11; des sculu uuir pitten eingefügtin die gekürzte Stelle Z. 19, desgl. des sculu uuir den truhtin pitten 32;den halmahtigun zu truhtin eingefügt 19.
An Wert steht die Bearbeitung B hinter A zurück, weil sie inhaltsärmerist und also geringere Anforderungen an den erklärenden Priester stellt.Doch ist die vierte Bitte, da der Hinweis auf die leiblichen Bedürfnisseweggelassen ist, nur geistig als Heilsmittel aufgefaßt.
Auch im Text des Vaterunsers weicht B mehrfach von A ab und folgtmehr dem lateinischen Grundtext. A ist hier freier: in voluntas tua 14 ist diedeutsche Wortstellung dtn uuillo angenommen (gegen uuillo din B); sicutin caelo et in terra 14: sama so in himile est sama in er du A — sama ist inhimile enti in er du B; inducas 31: princ A — uerleiti B; libera 35: keri A —cerlösi B; dagegen fehlt die Übersetzung hodie in B 18 f. Für uns sindsolche Verschiedenheiten in dem wichtigsten Gebet auffällig, aber es gab inden Anfängen des Christentums in Deutschland noch keine für die gesamtedeutsche Christenheit gültige Formel des Vaterunsers, wie auch nicht für dasGlaubensbekenntnis. Der mündlichen Tradition war noch viel Spielraumgelassen, wobei natürlich der kanonische Inhalt gewahrt werden mußte.
Zur Einrichtung des lateinischen und deutschen Textes ist noch zu be-merken, daß die Einleitungsworte und die sieben Bitten jedes Stück für sichzuerst im lateinischen Text, dann in der deutschen Übersetzung gegebensind, worauf jeweils eine kurze deutsche Erläuterung folgt.
der damaligen Dogmatik, Alcuins De Fide s.Trinitatis aus. Daß das Werk Alcuins im Be-sitz eines Priesters war, zeugt doch für weiter-
gehende wissenschaftliche Bestrebungen inBaiern — vorausgesetzt daß der Pfarrer nichtnur Handel mit dem Buche getrieben hat.