B. Die Literaturdenkmäler. 2. Prosadenkmäler. § 53. Tatian.
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Die Quelle 1 ) unsrer Übersetzung ist die gleiche wie die des Heliand, 2 )die Evangelienharmonie des Tatian. Tatian war ein syrischer Christ, der imzweiten Jahrhundert nach Christus seine Evangelienharmonie in syrischerSprache verfaßte. Das Werk, Diatessarön, = [rö] did Teoadgcov [evayyehov],genannt (früher fälschlich dem Alexandriner Ammonius zugeschrieben), wurdeins Arabische übertragen, von einer griechischen Übersetzung fehlt jedeKunde. Im 6. Jahrhundert (a. 546) fand der Bischof Viktor von Capua einelateinische Übersetzung und ließ dieselbe mit Versnumerierung der biblischenStellen abschreiben, woher er aber das sog. „unum ex quattuor evangeliorum"hatte, ist unbekannt. 3 ) Der älteste Kodex dieser lateinischen Übersetzung istin Fulda (F) 4 ) und soll von Bonifatius aus Italien dahin gebracht wordensein. Aus diesem Codex Fuldensis stammen alle andern lateinischen Tatian-handschriften, aus ihm ist auch unsere deutsche Übersetzung unmittelbarübertragen, denn sie stimmt mit F sehr genau überein und wurde, wie er-wähnt, in Fulda abgefaßt.
Der Dialekt 6 ) ist fuldisch. Fulda gehörte politisch zu Ostfranken, aberzum westlichsten Teile desselben. Die hauptsächlichen Bestandteile in derLautgebung sind: Vokale, ai und au sind schon zu ei und oti geworden;e>ie; 6>uo; eu>iu; der a-Umlaut des in ist io. Die Präfixe haben denVokal i: bi-, gi-, zi-, int-, aber ar- (beim Schreiber f er-) und für-, for-.
») Sievers, Ausgabe 2 S. XVIII ; Th. Zahn,Forschungen zur Geschichte des neutestament-lichen Kanons I. Tatians Diatessarön, Erlangen1881; P. de Lagarde, Gott. gel. Anz. 1882,321 ff.; Arthur Hjelt, Die altsyrische Evan-gelienübersetzung und Tatians Diatessarön,Leipzig 1901; Th. Zahn, Realenzyklopädie fürprotestantische Theologie 3 Bd. 5, 653—661;E. Preuschen, ebda Bd. 19, 386—394.
2 ) Eduard Lauterburg, Heliand undTatian, Zürich 1896.
3 ) Die Vorrede Viktors, Praefatio VictorisCapuani, ist abgedruckt in Sievers' Ausgabe 2S. 3-5.
4 ) Hrsg. von E. Ranke, Codex Fuldensis.Novum Testamentum latine interprete Hiero-nymo ex ms. Victoris Capuani, Marburg undLeipzig 1868; C. Dietz, Die lateinische Vor-lage des althochdeutschen Tatian, Diss. Leip-zig 1893.
5 ) MSD. 1 3 S. XVI—XX. XXV; Kossinna,Über die ältesten hochfränkischen Sprach-denkmäler, QF.46,97—99; Sievers, Ausgabe 2„Sprachliches" S.XXII—LXX; derselbe, Beitr.19,546—560; C.H.F. Walther, Über diestarkeKonjugation im Tatian, Kiel 1868; P. Pietsch,Der oberfränkische Lautstand im 9. Jh., Z. f. d.Phil. 7, 330 ff. 407 ff.; I. Harczyk, Z. f. d. A. 17,76—84; Fridolin Purtscher, Die untrenn-baren Partikeln im althochdeutschen Tatian,Leipziger Diss., Chur 1902; K.Dahm, Der Ge-brauch von gi- zur Unterscheidung perfek-tiver und imperfektiver Aktionsart im Tatian
und in Notkers Boethius, Diss. Leipzig 1909,dazu Helm, Berliner JB. 1909, 91 f. — ZurSyntax: V. E. Mourek, Zur Syntax des althoch-deutschenTatian: 1. Gebrauch der Kasus im ahd.Tatian, Sitzungsberichte der Kgl. böhmischenGesellschaft der Wissenschaften 1897 Nr. X;
2. Artikel und Substantiv, ebda 1894 Nr. XI;
3. Weitere Beiträge zur Syntax des ahd. Tatian,ebda 1894 Nr. XIII; 4. Gebrauch der Kasus imahd. Tatian (mit Parallelen aus der Bibelüber-setzung der böhm. Brüder), ebda 1895 Nr. XXIII ;F. W. Fink, Über den Dativ im ahd. Tatian,Diss. Berlin 1897; Arth. Denecke, Der Ge-brauch des Infinitivs bei den ahd. Übersetzerndes 8. und 9. Jahrhunderts, Diss. Leipzig 1880;K. Förster, Der Gebrauch der Modi im ahd.Tatian, Diss. Kiel 1895;W. Ruhfus, Die Stellungdes Verbums im ahd.Tatian, Heidelberger Diss.,Dortmund 1897; PaulDiels, Die Stellung desVerbums in der älteren althochdeutschen Prosa,Palaestra 59, Berlin 1906; K. Tomanetz, DieRelativsätze bei den ahd. Übersetzern des 8.und 9. Jahrhunderts, Wien 1879; H. Gering,Die Causalsätze und ihre Partikeln bei denahd. Übersetzern des 8. und 9. Jahrhunderts,Habilitationsschrift, Halle 1876, dazu Behagh-el, Germania 22, 229—232; W. F. Schölten,Satzverbindende Partikeln bei Otfrid und Ta-tian, Beitr. 22,391—423; Erich Gutmacher,Der Wortschatz des ahd. Tatian in seinem Ver-hältnis zum Altsächsischen, Angelsächsischenund Altfriesischen, Beitr. 39,1—83. 230—289(Index am Schluß des Bandes).