270 H- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Die Kunst der Übertragung setzt eine Tradition voraus, die Sprachemußte schon einigermaßen für religiöse Gedankenentwicklung geschult sein,mit den Glossen allein konnte auch der selbständigste Kopf eine dialektischso wohl konstruierte Darlegung nicht hervorbringen. In der Predigt entstandzuerst die deutsche geistliche Prosa; die freie Prosa, denn in den Vaterunser-,Credo- und Beichtformeln (s. unten) war die Ausdrucksweise stark an denliturgischen Wortlaut gebunden. Aber doch war es von der Volkspredigt biszu der wissenschaftlichen Behandlung eines theologischen Problems noch einweiter Schritt, und die Meisterschaft des Isidorübersetzers in der Beherrschungder Sprache ist darum nicht weniger bewundernswert, wenn auch er sich alsein Glied einer geschichtlichen Entwicklung erkennen läßt.
§ 52. Die Monsee-Wiener Bruchstücke (Fragmenta theotisca).
Braune, LB. Nr. 5 u. S. 172 f.; Piper, Alt. d. Lit. S.93L; Kelle, LG. 1,191 f. 336; Kögel,LG. 2,477—497, Grundr. 2 S. 150—152; Steinmeyer, Ergebnisse S. 208.210. 217. — Erste Aus-gabe: Stephanus Endlicher et Hoffmann Fallerslebensis, Fragmenta theotisca versionisantiquissimae evangelii S. Matthaei et aliquot homiliarum u. s. w., Vindobonae 1834 (nachdiesem Titel werden die Bruchstücke auch Fragmenta theotisca genannt), dazu Moritz Haupt,Wiener Jahrbücher der Litteratur 67 (1834), 178—198; zweite Ausgabe besorgt von Massmann,Wien 1841, dazu Massmann, Z. f. d.A. 1,563—571; vollständige Ausgabe (nach Auffindungneuer Wiener Blätter und der Blätter in Hannover, s. unten im Text) von George AllisonHench, The Monsee Fragments, newly collated text with introduction, notes, grammaticaltreatise and exhaustive glossary and a photo-lithographic fac-simile, Straßburg 1890, dazuWunderlich, Z. f. d. Phil. 25,117—120; Collitz, Modern Language Notes 6 (1891) Nr. 8;Kögel, Z. f. d. A. 37, Anz. 19, 218—235.
Hs.:') Die erste Erwähnung von Fragmenten der Monseer Handschriftmachte J. G. Eccard - , Veterum Monumentorum quaternio, Lipsiae 1720 p. 42 f.,wo ein Blatt (in der Ausgabe von Hench Stück VII) abgedruckt ist. Eccardhatte von Bernhard Pez (Benediktiner im Kloster Melk, f 1735) 2 Blätterder Hs. nach Hannover erhalten (aus dem Evangelium Matthäi, Stück IVund VII bei Hench), die dieser im Kloster Monsee bei Salzburg gefundenhatte. Aber Eccard vergaß, sie an Pez zurückzuschicken. — Eine Anzahl vonFragmenten fand der Bibliothekar Stephan Endlicher 1833—34 als Ein-bände von Büchern des 15. Jhs. in der K. K. Hofbibliothek in Wien und zu-sammen mit ihm entdeckte Hoff mann von Fallersleben 1834 weitere Stückeebendaselbst. Diese Bruchstücke, die Endlicher und Hoffmann fanden,gaben sie als Fragmenta theotisca 1834 heraus (s. oben unter Literatur). — ImJahr 1868 fand Joseph Haupt, Kustos der K. K. Hofbibliothek, zwei weitereBlätter aus dem Isidor (Stück XXXII und XXXIII bei Hench), die er in derGermania 14,66—68 veröffentlichte (wieder abgedruckt von Conrad Hof-mann, Münchener SB. 1869, 560—562). — Endlich wurden 1873 von ErnstFriedländer jene zwei Blätter, die Pez an Eccard gesandt hatte, in derK. Bibliothek zu Hannover wieder aufgefunden und herausgegeben in derZ.f.d.Phil.5, 381—393.
!) Z. f. d. Phil. 5,381 ff.; Hench S. V—IX. IX—XIV; MSD. II 3 ,346.