268 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Wegen des dogmatischen, nicht wegen des apologetischen Elementeswurde die Übersetzung von Isidors Traktat veranstaltet. Nicht auf eine Be-kämpfung der Juden und eine Verteidigung der christlichen Wahrheit warendie kirchlichen Bestrebungen Karls gerichtet, sondern eine positive Arbeitfür die Vertiefung und Vergeistigung des Christentums sollte geleistet werden.Polemik gegen die Juden ist also nicht der Zweck der Übersetzung, jeden-falls nicht der Hauptzweck. 1 ) Aber eine apologetische Tendenz kann dochdarin liegen: in deutscher Sprache sollte das Fremdartige, Wunderbare desWesens Christi begreiflich gemacht werden. Und in dieser Hinsicht gehörtdann der deutsche Isidor ebenfalls zur Missionsliteratur.
Karl der Große hat durch seine allgemeine Gesetzgebung die einfacheVolkslehre in der Katechese begründet, im engeren Kreise seiner gelehrtenFreunde aber suchte er Aufklärung über die höheren Fragen des gesamtengeistigen Lebens, vor allem über schwierige Probleme des Dogmas. Undeine Frucht dieser neu erblühten Wissenschaft der Theologie ist diedeutsche Übersetzung von Isidors Traktat. Mag sie nun unmittelbar von demKaiser veranlaßt sein oder nicht, die geistige Urheberschaft gebührt doch ihmund seiner Umgebung. Wenn diese Voraussetzungen irgend das Richtigetreffen, dann ist auch die Zeit der Abfassung des deutschen Isidor genauerzu bestimmen: sie muß nach dem Erscheinen von Alcuins De Trinitate fallen,also nach 802.
Art der Übersetzung. 2 ) Der Übersetzer schließt sich möglichst demOriginal an, gewinnt aber doch durch, meist unwesentliche, Abweichungeneinen guten deutschen Text. Willkürlich und grundlos ändert er wohl nie.Sein Bestreben geht dahin, den schweren Inhalt verständlich zu machen. Sowird statt des Pronomens das Substantiv gesetzt: eius natiuitas — christeschiburt II, 4 f. u. 7; idem — ir selbo Christ IV, 10. — Das im Lateinischenfehlende Subjekt wird ergänzt: respondeant nobis — antuurdeen na uns dheaunchilaubendun V, 2 f. — Das Verbum wird ergänzt: Sedis tua deus inseculum seculi, uirga qquitatis uirga regni tut — Dhiin sedhal got ist fonaeuuin in euuin, rehtnissa garda ist garde dhines riihhes IV, 14 ff. (Rannow
') Erst Hrabanus Maurus mit seinem Liberadversus Judaeos und Agobard von Lyon mitseiner Schrift De judaicis superstitionibus adLudovicum Imperatorem haben aus IsidorsWerk den Kampf gegen die Juden wiederaufgenommen (Karl Werner, Alcuin S.335;derselbe, Der heilige Thomas von Aquino 1,633 ff.). Wenn der deutsche Isidor mit dieserPolemik in Verbindung stehen sollte, dannkönnte er erst später als 820 verfaßt sein, waswegen der Sprache nicht wahrscheinlich ist.Hingewiesen sei aber doch darauf, daß auchzwischen Karl dem Großen und Alcuin dieJudenfrage verhandelt wurde, vgl. den BerichtAlcuins von einer Disputation, die Petrus vonPisa mit einem Juden namens Julius von Pavia
führte, Mon. Germ. Epist. IV, 285; Migne 100,314C.
2 ) Max Rannow, Der Satzbau des alt-hochdeutschen Isidor im Verhältnis zur latei-nischen Vorlage, Schriften zur german. Philo-logie, hrsg. von Max Roediger, 2. H., Berlin1888; Henry Seedorf, Über syntaktischeMittel des Ausdrucks im althochdeutschenIsidor und den verwandten Stücken, GöttingerBeiträge zur deutschen Philologie, hrsg. vonM. Heyne und W. Müller, Paderborn 1888;Kelle, LG. 1,337 f.; Steinmeyer, Isidor undFragmenta Theotisca, Prager deutsche Studien8,147—163 ;E. Klemm, Satzmelodische Unter-suchungen zum althochdeutschen Isidor, Beitr.37,1—78.